Day 13: Minden-Holzminden (Zürich-Hamburg-Zürich-Tour)

Heute nehme ich es etwas gemütlicher: Tagwache um 05.45, Frühstück um 06.30 und Abfahrt um 07.30 Uhr. Die heutige Etappe ist nicht so lang und so muss ich nicht hetzen. Bei strahlend blauem Himmel fahre ich los, passiere schon bald das Kaiser-Wilhelm-Denkmal:

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und überquere wieder einmal die Weser. Komoot möchte darauf eine Abkürzung nehmen – ich schimpfe ein wenig, denn es geht kräftig bergauf. Ob das wohl schneller ist? Als ich oben bin, hellt sich meine Laune wieder auf; einer Hügelkuppe entlang geht es nun sanft abwärts – wieder in Richtung Weser

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Schon nach kurzer Zeit überquere ich die Weser von neuem – es sollte nicht das letzte Mal sein heute.

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Denn schon bald folgt die nächste Überquerung, diesmal mit einer kleinen Fähre:

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Es ist ein wunderbarer Tag heute, der Wind kommt wieder von Nordost und schiebt mich sanft gegen Süden. So komme ich wieder einmal mühelos vorwärts – Freude herrscht!

Nach ca. 45 km komme ich in ein sagenumwobenes, reizendes Städtchen, dessen Namen ich noch nicht verrate, denn dieser ist Gegenstand des heutigen Rätsels.

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Die Berühmtheit dieses unglaublich schönen Städtchens beruht auf einer alten Sage, die sich hier abspielte.
Goethe hat diese Sage in ein Gedicht verpackt, welches folgendermassen beginnt:

Ich bin der wohlbekannte Sänger,
Der vielgereiste ……………………….
Den diese altberühmte Stadt
Gewiss besonders nötig hat;

Wie heisst diese Sage? Lösung am Schluss dieses Blogs!

Ich lasse die Schönheit dieses Städtchen auf mich wirken, kehre ein bei einem Italiener (der mich sofort als Schweizer erkennt!), esse einen Kuchen, den seine Frau gebacken hat, und breche nach einer guten halben Stunde wieder auf.

Es ist unglaublich schön hier, diese Etappe ist das absolute Highlight!

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Es sind nun auch auffallend viele Velofahrer unterwegs, meist Pensionierte – allein, zu zweit oder im Rudel. Dieser Abschnitt entlang der Weser ist offenbar sehr beliebt – kein Wunder!

Ein Atommeiler mitten in dieser schönen Landschaft trübt meine Stimmung ein wenig; zum Glück wird er aber wohl bald abgeschaltet!

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Als der Hunger kommt, mache ich Halt auf einem liebevoll gestalteten Rastplatz, trinke eine Apfelschorle, esse eine Bratwurst und freue mich über den schönen Tag.

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Nach der Rast möchte Komoot mal wieder ein Abkürzung nehmen und eine grosse Flussschlaufe abschneiden. Für einmal ignoriere ich die Stimme, die mich auffordert links abbzubiegen – ich fahre lieber der Weser entlang!

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Schon bald erreiche ich Holzminden, das Ziel meiner Reise. Nach einer erfrischenden Dusche, einem Waschgang (schon wieder!) und einem kleinen Nickerchen mache ich einen Gang durch das aparte Städtchen. Auf dem Marktplatz setze ich mich vor dem Eiscafé Luna unter schattenspendende Platanen und geniesse etwas Gesundes: Erdbeeren natürlich – was denn sonst!

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Und hier noch die  Lösung des heutigen Rätsels: die gesuchte Sage heisst:
„Der Rattenfänger von Hameln“
(interessante Sage; wer sie nicht kennt, möge sie googeln – und die Bildungslücke schliessen!)

Fakten: gefahrene Strecke 105 km, Fahrzeit 6 Std. 6 Min., Übernachtung im Hotel Buntrock, Holzminden

D13

Day 12: Bremen-Minden (Zürich-Hamburg-Zürich-Tour)

Nach tiefem Schlaf – Feng Shui scheint zu helfen – nehme ich das Frühstück in diesem ausgezeichneten Hotel ein (es heisst: elements pure feng shui concept hotel – ein Name, den ich mir einfach nicht merken kann; auch Komoot hatte Probleme damit und wollte einfach keine Tour planen an die Birkenstrasse in Bremen, wo eben dieses Hotel liegt.)

Um 07.25 Uhr fahr ich los – ein bisschen später als sonst, dafür habe ich schon gefrühstückt. Es ist toll, in Bremen Fahrrad zu fahren: überall hat es die rot gefärbten Velowege – man fühlt sich schon fast wie in Holland. Bald schon bin ich im Grünen und fahre einem kleinen Kanal entlang. Der Himmel ist blau, es ist angenehm frisch – herrlich!

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Ich stelle mir nur die Frage, ob ich denn nun nicht der Weser entlang fahren sollte, denn eigentlich wollte ich ja von Bremen aus den Weser-Radweg nehmen. Ich bin mir sicher, dass Komoot wieder ein schnellere Lösung gefunden hat und somit folge ich relativ unbeschwert der blauen Linie meiner Navigations-App. Recht zügig geht’s voran – der Wind weht von Nordost und ich fahre gegen Süden – mal wieder Glück gehabt. Meist fahr ich auf Velowegen entlang von Strassen, manchmal auch wieder auf Nebenstrassen; es ist eben und ich bin auf dem Lande – kaum Ortschaften. Als ich eine Bäckerei mit Café erblicke, mache ich kurz Halt, um etwas zu trinken zu kaufen – da lacht mich eine Erdbeerschnitte an, der ich nicht widerstehen kann und somit dauert der Halt etwas länger.

Als mich der Gedanke zu plagen beginnt, am heutigen Tag der rätselfreudigen Leserschaft keine Aufgabe stellen zu können, führt mein Weg an einer Mühle vorbei – und schwupps – inspiriert von dieser Mühle, fällt mir etwas ein:

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In der Schule (ist schon lange her) behandelten wir einst ein Gedicht, in dem eine Mühle brennt.
Fragen: Wie heisst das Gedicht? Wer hat es geschrieben? Welcher spätromantische Komponist hat dieses Gedicht eindrücklich-schauerlich vertont?
Lösung am Schluss des heutigen Blogs.

(Fragen an meine mitlesenden ehemaligen Klassenkameraden/-innen: Bei welchem Deutschlehrer haben wir dieses Gedicht behandelt? Beim Schriftsteller, beim Oberst im Gst, oder bei einer Aushilfe? Ich weiss es leider nicht mehr, bitte um Aufklärung!)

Ihr merkt schon, heute habe ich nicht so viel zu schreiben, weshalb ich mal wieder in der Vergangenheit «herumnodere».

Schon längst hatte ich die Weser vergessen und plötzlich bin ich an ihrem Ufer

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Nun bin ich also doch noch auf den Weserradweg geraten. Ich freue mich darüber, denn es ist wunderbar, mit Rückenwind an derem Ufer mühelos dem Ziel Minden entgegen zu fliegen. Bald schon künden mächtige Schleusentore diese grössere Stadt (80’000 Einwohner) an.

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Auf dem Weg zum Hotel, das etwas ausserhalb der Stadt liegt, mache ich einen Abstecher durch das Zentrum dieses Städtchen. Auffällig ist die Mischung zwischen sehr alten und neuen Gebäuden. Wie viele andere deutsche Städte wurde auch diese Stadt durch Bombenangriffe der Allierten teilweise zerstört – daher rührt diese Kombination von altem und neuem.

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Schon um 15.00 treffe ich im Hotel ein. Es war eine leichte Etappe (chillig würden meine Kinder sagen) – ich wäre locker noch 60 km weitergefahren. Trotzdem bin ich froh, schon am Ziel zu sein, so habe ich genügend Zeit, die Fortsetzung meiner Tour zu planen; denn das ist ein ziemlich aufwändiger Prozess…

PS: Fast hätte ich es vergessen, hier noch die Lösung des Rätsels: Das Gedicht heisst «Der Feuerreiter», geschrieben hat es Eduard Mörike und genial vertont wurde es von Hugo Wolf.

Fakten: gefahrende Strecke 109 km, Fahrzeit 6 Std.,
Übernachtung im Hotel Bad Minden (leider ohne Bad, hatte auf einen kühlenden Pool gehofft!)

D12

Day 11: Hamburg-Bremen (Zürich-Hamburg-Zürich-Tour)

Um 05.00 wache ich auf; die Nacht war kurz, eigentlich hätte ich gerne noch ein wenig weitergeschlafen, aber der aufkommende Verkehrslärm hat mich wohl geweckt.

Punkt 06.00 verlasse ich das hippe, ein wenig jugendherbergsmässige Hotel Superbude. Zuerst fahre ich kilometerlang durch schon sehr belebte Industriequartiere und Vororte von Hamburg.

Nach ca. 15 km überquere ich die Elbe auf der Harburger Elbbrücke, eine wunderbare Metallkonstruktion mit Eingangstor

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Es dauert sehr lang, bis ich wieder ganz in der Natur draussen bin; als es endlich soweit ist, mache ich ein Foto mit dieser schönen Morgenstimmung.

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Nun geht es kilometerlang geradeaus; dies meist auf guten Velowegen neben mehr oder weniger befahrenen Autostrassen. Ich komme gut voran – und gestärkt durch ein Frühstück in einem Café am Wege – fahre ich mich fast in einen Rausch. Der Wind, der mich bis jetzt so oft geplagt hatte, weht nun von hinten, der Himmel ist meist blau, was will ich mehr.

In Sottrum, einem schönen Ort, mache ich einen Halt und schaue mir die schönen Häuser und die schöne Kirche an.

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Nachher lotst mich Komoot auf kleine Strassen abseits der Hauptstrassen; es ist wunderbar, dazu noch der Wind im Rücken – da schlägt das Radfahrerherz höher!

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Bald schon erreiche ich Vororte von Bremen, ich fahre durch gepflegte Quartiere und bin schon bald im Hotel angelangt.

Nach einem Nickerchen im Hotelzimmer mache ich noch einen kleinen Stadtspaziergang durch das Zentrum von Bremen – eine schöne Stadt mit vielen weiträumigen Plätzen und guter Sicht auf Kirchen, Rathaus etc.

 

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Ein noch sehr gut erhaltenes altes Quartier (ca. 17. Jahrhundert) ist das sogenannte Snoore-Viertel:

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Dort finde ich dieses Haus mit einer Inschrift:

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Hier mal wieder eine Quizfrage: Was bedeutet diese Inschrift?

Im benachbarten Seifenladen frag ich die Verkäuferin nach der Übersetzung; sie gibt mir bereitwillig Auskunft und erzählt mir sonst noch einiges über dieses sehenswerte Quartier.

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(Lösung: Unser Plattdeutsch bewahre uns dieses alte „Schnurhaus“)

Zu guter letzt lande ich am Ufer der Weser – es ist schön hier in der Abendstimmung.

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Als Schlummertrunk gibt’s in der Hotellobby (im Feng-Shui-Stil) ein Bier. Ich würde gerne das Fussballspiel Schweiz – Costa Rica ansehen – Pech gehabt: ZDF zeigt Brasilien – Serbien.

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Mal schauen, ob die Schweizer Nati ihr Spiel gewinnt – Deutschland ist draussen… (bin mal wieder ein bisschen schadenfreudig).

Fakten: gefahrene Strecke 117 km, Fahrzeit 7 Stunden, die bislang leichteste Etappe
Übernachtung im „elements pure feng shui concept hotel“ (Das beste auf meiner Reise – und nicht mal viel teurer als die Superbude!)

D11

 

Day 10: Lauenburg-Hamburg / Sightseeing Hamburg (Zürich-Hamburg-Zürich-Tour)

Heute «schlaf ich aus», ich kann es mir leisten, denn Hamburg, mein grosses Ziel, liegt nur noch 40 km entfernt. Um 07.00 trete ich in den schönen Essraum des Hotels Bellevue – ich bin der erste – und nehme zum ersten Mal auf meiner Tour das Frühstück im Hotel ein. Ich geniesse noch einmal die schöne Aussicht auf die Elbe und erfahre vom Gastwirt, dass wir nach Niedersachsen hinüberblicken, wir hier aber in Schleswig-Holstein sind.

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Bald schon sitze ich wieder auf dem Velo und es geht mehr oder weniger der Hauptstrasse entlang Richtung Hamburg. Ich frage mich wieder einmal, wo denn der Elberadweg ist – bin mir aber sicher, dass Komoot mich auf dem schnellsten Weg an mein Ziel schickt. Wieder einmal ist der Himmel grau und es ist ziemlich kühl. Es regnet aber nicht, und das ist die Hauptsache!

Ich bin noch keine 2 Stunden unterwegs, da sehe ich schon das ersehnte Ortsschild von Hamburg: Das muss natürlich fotografiert sein (ich probier’s einige Male, bis es mit dem Selbstauslöser klappt – mein Fahrrad spielt dabei Stativ.)

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Mein Hotel befindet sich aber immer noch über 20 km weiter weg. Ich fahre also durch Vororte Hamburgs und erinnere mich an eine ehemalige Arbeitskollegin aus Hamburch (wie sie sagte), mit der ich einst zuweilen Tennis spielte. Birgit so heisst sie, musste bald wieder nach Hamburg zurück, um ihren Beamtenstatus nicht zu verlieren; vorher verliebte sie sich aber zuerst in die Bücher meines ehemaligen Deutschlehrers (selig) und dann auch in den Autoren selbst, welcher übrigens im gleichen Dorf aufgewachsen wie ich und zu einiger Berühmtheit gelangte (sogar hochgelobt vom sonst so kritischen Marcel Reich-Ranicki) Wer kennt diesen Autoren?

Ich bin ein bisschen abgeschweift – aber das ist das Schöne am Fahrradfahren, man hat unendlich viel Zeit, um nachzudenken und Erinnerungen aufzufrischen – die ständige Sauerstoffzufuhr scheint dabei zu helfen.

Mit solchen Gedanken erreiche ich St. Georg, einen Stadtteil von Hamburg. Dort liegt mein Hotel, welches ich wie immer ein paar Tage im Voraus gebucht habe.

Es heisst «Superbude» und als ich es von weitem erblicke, erschrecke ich ein wenig:

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Ich werde aber sehr herzlich empfangen (was das doch ausmacht!) und, was mich besonders freut, darf ich meine Bude (so heissen hier die Zimmer) schon jetzt um 11.00 beziehen. Als ich meine «Bude betrete», trifft mich fast der Schlag: vor dem Zimmer eine stark befahrene Strasse – die Lastwagen fahren fast durch’s Zimmer. Ob ich da wohl gut schlafen kann?

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Ich zieh mich um, mach noch einen Handwaschgang meiner schmutzigen Wäsche und zieh bald darauf los, Hamburg zu entdecken. Mit der U-Bahn fahre ich vom Berliner Tor an die Station Hafen City/Universität und laufe von dort der Elbe entlang Richtung Elbphilharmonie. Und – ein Wunder ist geschehen – erstmals seit Tagen scheint mal wieder richtig die Sonne!

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Unterwegs mache ich Halt in einem speziellen Lokal, Nissis Kunstkantine, welches Galerie  und Kunstkantine in einem ist:

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Dort komme ich ins Gespräch mit dem Chefkoch. Er heisst Sven – nein, nicht der Schreckliche, aber er hat dessen Postur.

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Er erzählt mir von seinen Zwangsferien in der Schweiz (Sein Mazda 323 am Gotthard liegengeblieben wegen defektem Kühler – hineingeschüttetes Eiklar macht nur alles noch schlimmer, eine Woche auf neuen Kühler gewartet etc. – klingt im Nachhinein lustig, war es aber wohl nicht so!)

Nun aber weiter. Schon von weitem erblickt man das imposante Gebäude der Elbphilharmonie, ich lasse mich von einer Studentin ablichten:

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Beim Näherkommen erkenne ich Kletterer an einer Seite des Gebäudes. Was die hier wohl machen? Wettkampf? Nein, die Lösung ist simpel: Es sind Fensterputzer.

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Ich bin erleichtert, dass es problemlos möglich ist, auf die sogenannte Plaza zu gelangen, eine Plattform in ca. 40 m Höhe. Mit einer futuristisch gewölbten, mind. 100 Meter langen Rolltreppe gelangt man noch oben.

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Oben angekommen bietet sich eine traumhafte Aussicht in alle Richtungen; ich lasse die Bilder sprechen.

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Wie der geneigte Leser vielleicht weiss, gab es diverse Probleme beim Bau dieses unglaublichen Kulturdenkmals, welches von Herzog & De Meuron entworfen und geplant wurde. Schliesslich kostete es über 800 Millionen Euro statt der vorgesehenen 77 Millionen!

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Ich verabschiede mich von der «Elphi» – so wird dieses epochale Bauwerk liebevoll auch genannt.

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… und schlendere an weiteren Sehenswürdigkeiten vorbei: die Speicherstadt, zum Weltkulturerbe erklärt:

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Das Mahnmal St. Nicolai (ehemalige Hauptkirche Hamburgs, während des 2. Weltkriegs durch Bombenangriffe der Allierten zerstört; nur der Turm und ein paar Aussenmauern blieben stehen):

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Die Kirche St. Petri:

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Das Chilehaus (klingt nach „Kirchgemeindehaus“, hat aber mit Kirche nichts zu tun, sondern wurde vom Erbauer aus Erinnerung an Südamerika so genannt); Stil: Backsteinexpressionismus!

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Mein Rundgang durch Hamburg führt mich wieder zum Hotel zurück, der «Superbude». Ein schöner Tag geht langsam zu Ende.

Morgen geht’s weiter Richtung Bremen.

Fakten: gefahrene Strecke: 44 km, Fahrzeit: 2 Std. 58 Min.
Übernachtung im Hotel Superbude in Hamburg St. Georg

D10

Day 9: Wittenberge-Lauenburg (Zürich-Hamburg-Zürich-Tour)

Als ich um 05.30 Uhr aufwache (ich habe mir eine Viertelstunde mehr Schlaf gegönnt) und aus dem Fenster meines Hotelzimmers schaue, sehe ich eine herbstliche Stimmung. Es hat Nebel und die Turmspitze der Kirche von Wittenberge verschwindet darin.

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Mit einem Lunchpaket ausgerüstet (das war sehr nett, liebes Hotelpersonal), verlasse ich Wittenberg um 06.25 Uhr; ein bisschen später als üblich, meine heutige Etappe ist ja nicht so gewaltig lang…

Ich biege direkt vom Hotel alte Ölmühle auf den Elberadweg ein und ignoriere, dass mir Komoot eine andere Route vorgibt (Natürlich bereue ich dies bald, denn ich fahre eine weite Schlaufe, während Komoot wie immer den direkten Weg wählt). Ich komme an einer Slip-Anlage vorbei (was das wohl ist, bitte raten!) und geniesse die morgendliche Stimmung.

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Leider merke ich bald, dass ich heute wohl gegen den Wind fahren muss, denn von Beginn weg weht mir dieser lästige Geselle ins Gesicht. Ich fahr gegen Westen, er kommt von dort: keine gute Kombination!

Schon bald mach ich Pause  in einem Schutzhäuschen eines Boots-Clubs und verkleinere mein Lunchpaket:

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In der Folge fahre ich oft auf den Hochwasserschutzdeichen – entweder auf der Krone oder auf dem parallelen auf der Rückseite des Deiches liegenden Verteidigungsweg. (Diese Begriffe habe ich von einer Schautafel, die den Deichbau und dessen Geschichte erklärt, falls ihr euch wundert, woher ich diese kenne…).

Immer wieder treffe ich auf Schafe, die offenbar für die Deichpflege zuständig sind.

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Und was täglich wieder ein Thema ist: Ich brauch einen Kaffee! Deshalb kommt ein grösserer Ort, den ich nun erreiche, wie gerufen. Er heisst Lenzen, der Lenz ist aber vorbei – Herbsten würde eher passen; es ist aber eigentlich ein hübscher Ort, nur ist hier nichts los, einige Häuser stehen leer oder sind schon halb verfallen. Es bietet sich ein Bild, das ich nun schon öfters angetroffen habe in der ehemaligen DDR. Es hat immerhin ein Café in diesem Ort und so steuere ich dieses an und verlasse meine Route – «Du hast die Tour verlassen, wirf einen Blick auf die Karte», hör ich wieder…

Dummerweise öffnet das Cafe erst um 09.00 Uhr und es ist 08.50, also schau ich mich noch ein wenig im Ort um:

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Ich verzichte diesmal darauf, den Kuchen zu fotografieren, möchte dafür ein bisschen mit dem Wirt ins Gespräch kommen, was schwierig ist – die Leute hier sind offenbar nicht so kommunikativ!

Ich komme wegen dem starken Gegenwind sehr langsam vorwärts, mein Durchschnitt von 13 km/h beunruhigt mich, da bin ich froh, dass ich vom windgepeitschten Deich abbiegen darf und bald auf eine Waldstrasse gelange, die kilometerlang geradeaus führt und windgeschützt ist; es ist sehr schön hier in diesem lichten Wald mit den vielen Föhren; nur die Strasse ist sehr holprig und erlaubt leider auch keine zügiges Fahren.

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Nachher fahr ich wieder vor allem auf dem Hochwasserschutzdeich; es wäre sehr schön, wenn nur der Wind in die andere Richtung blasen würde. Zum guten Glück bin ich nicht der einzige Tourenfahrer, der nach Westen fährt – die meisten aber fahren in die andere Richtung.

Bei einem ehemaligen Wachturm des DDR-Grenzschutzes mach ich Mittagspause. Ich erfahre dort, dass die Elbe hier der Grenzfluss zur BRD war und diese Grenze mit einem Grenzzaun auf den Deichen, mithilfe von Wachtürmen und weiteren Alarmsystemen «geschützt» wurde, damit niemand die DDR verlassen konnte. Dunkle Geschichte, zum guten Glück seit 1989 Vergangenheit.

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Die Elbe ist übrigens auf diesem Abschnitt gar nicht so oft zu sehen, eher selten fliesst sie so nahe beim Hochschutzdeich vorbei, wie es hier zu sehen ist:

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Die Landschaft ist sehr dünn besiedelt hier: Wiesen, Weiden, Felder, Marschlandschaften soweit man blickt. Deshalb bin ich froh, als ich endlich mal wieder ein Städtchen erreiche: Es heisst Boizenburg und wirkt viel gepflegter als Lenzen.

Nach weiteren nicht enden wollenden ca. 13 km komme ich um 17.15 Uhr im Hotel Bellevue in Lauenburg/Elbe an; nicht ohne mich zuvor noch verfahren zu haben. Eine sympathische, quirlige Brasilianierin empfängt mich:

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Sie zeigt mir mein Zimmer, nimmt Telefone ab, bedient die Hotelgäste beim Abendessen und ist hier offenbar für alles zuständig. Wo ist denn der Chef? Aha, eine Chefin, in der Küche, erfahre ich – offenbar ein richtiges Dreamteam!

Das Zimmer ist ein Traum:

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Da werde ich bestimmt gut schlafen nach der heutigen anstrengenden Etappe! Gute Nacht!

Fakten: Gefahrene Strecke 116 km, Fahrzeit 8 Std. 56 Min.
Übernachtung im Hotel Bellevue, Lauenburg

D9

Day 8: Magdeburg-Wittenberge (Zürich-Hamburg-Zürich-Tour)

 

Wie fast immer beginnt mein Tag um 05.15. Ich packe schnell, Sonnencrème brauch ich nur im Gesicht und so bin ich um 05.55 Uhr fahrbereit. Die Strassen in Magdeburg sind an diesem Sonntagmorgen fast menschenleer; so fahr ich auf den Autostrassen und komme so schneller vorwärts als auf den mühsameren und meist holprigen Velostreifen. Rotlichter u. Sicherheitsstreifen kümmern mich nicht (bitte nicht nachmachen!) – es ist ja fast niemand unterwegs ausser mir.

Ich überquere die Elbe und verlasse Magdeburg, indem ich nordostwärts fahre. Irgendwann beginne ich zu stutzen: ich wollte doch den Elberadweg fahren und nicht kilometerlang schnurgerade aus in nordöstlicher Richtung irgendwohin fahren. Ich beruhige mich, Komoot wird sicher den schnellsten Weg finden nach Wittenberge, meinem Etappenziel.

Auf meiner Fahrt passiere ich einen schönen Ort namens Burg:

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Kurz darauf überquere ich einen Kanal oder einen Fluss (es ist nicht die Elbe). Auf diesem kommt mir ein Lastkahn (mind. 100m lang) entgegen, gefüllt mit Metallschrott, vor allem geschredderte Autos:

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Die Szenerie hat etwas Surreales; es ist Sonntagmorgen ca. 8 Uhr, die Landschaft ist wunderbar und da kommt mir dieses Schiff mit unserem Zivilisationsschrott entgegen… fast komme ich ins Philosophieren – lass es dann aber bleiben.

Weiter fahre ich durch schöne Landschaften; Kornfelder soweit man blicken kann.

Nach 50 km erblicke ich einen Deich, darauf der Elberadweg – endlich! Ich bieg darauf ein und krieg gleich die Krise: Just ab hier weg ist wegen Bauarbeiten der Radweg gesperrt:

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Keine Umleitungsschilder sind zu sehen – der Radfahrer muss sich selbst zu helfen wissen: Mithilfe von Komoot suche ich mir einen Weg, der nach ca. 3 km zum Radweg führt. Das ärgert mich, denn die heutige Etappe ist schon genug lang, ich habe keinen Bock auf Umwege.

Ein Viertelstunde später nähere ich mich wieder dem Elberadweg. Aber Himmel, A. und Zwirn, immer noch Baustelle:

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Jetzt bin ich richtig stinkig! Wie weit wird denn hier gebuddelt? Und wieder kein Hinweis, wohin der Radfahrer alternativ fahren soll. Also such ich wieder eine Umleitung, doch jetzt habe ich eine grösseres Problem: Die Umwege geraten aus dem Bereich meiner Offline-Karten hinaus, d.h. ich habe keinen Zugriff mehr auf Karten… quasi blind fahre ich wieder los und suche stegreifmässig einen Weg; gerate dabei auf einen Single-Trail. IMG_4058Liebe Komoot-Leute schaut euch dieses Bild an und merkt euch: So sieht ein Single-Trail aus. Es ist wunderschön hier, doch leider ist es nicht der Elberadweg.

Nach langem «Blindfahren» habe ich irgendwann wieder Zugriff zu den Offline-Karten und kann den Weg zum Elberadweg wieder planen. Nach 60km bin ich endlich auf dem Elberadweg, stehe aber gleich wieder vor einem Problem:

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Da geht der Elberadweg durch – ich fass es kaum, es gibt aber wirklich keine andere Möglichkeit als das Fahrrad über diese Brücke zu bugsieren. Nachdem ich dies geschafft habe, bin ich nun endlich auf dem ersehnten Elberadweg. Doch der Ärger geht gleich weiter: ich holpere über ungleichmässig verlegte Betonplatten, also quasi Riesenpflastersteine – ich komme als wieder einmal nicht vorwärts…

Schliesslich ist es doch soweit: In der Ferne erblicke ich die langersehnte Elbe:

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Nun geht’s endlich wieder vorwärts; oft auf Deichen mit schön angelegten Wegen.
Leider habe ich bis jetzt noch nicht gefrühstückt, es ist 10.15 Uhr, der Magen knurrt mal wieder und Koffeinentzugserscheinungen machen sich bemerkbar. Also bieg ich rechts ab, als ich einen grösseren Ort sehe. Er heisst Jerichow (was für ein merkwürdiger Name: wir sind ja hier nicht in Palästina). Es ist aber hier wie meist überall: Tote Hose! Am Dorfausgang sehe ich eine grosse Kirche, ein schöner Backsteinbau, und fahr dahin. Zu meiner Überraschung ist die ganze Anlage ein Kloster – Kloster Jerichow – und , oh Wunder, beinhaltet ein kleines hübsches Restaurant. Es heisst Wirtshaus Klostermahl

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Ich bestelle dort einen Kaffee und ein Stück Stachelbeerbaisertorte. Klingt vielversprechend, sieht lecker aus und ist es auch:

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Stachelbeeren sind bei mir übrigens mit Kindheitserinnerungen verknüpft: Im Garten hatten wir 2 Stachelbeerstöcke, an denen ich jeweils gerne naschte. Ich meine, mich zu erinnern, dass unsere Mutter ganz selten auch Kuchen machte mit Stachelbeeren – weiss es aber nicht mehr ganz genau… Seitdem habe ich nie mehr Stachelbeeren gegessen – bis heute.

Die  Stachelbeerbaisertorte (mir gefällt dieses Wort)  verleiht mir Flügel: auf neu angelegtem Fahrradweg geht’s flott dahin; nur die Dame von Komoot nervt immer wieder: «Du hast die Tour verlassen, wirf einen Blick auf die Karte, die Tour liegt 60m links von dir». Das ist mir aber Wurst, es fährt sich hier wunderbar und ich sehe links von mir keinen Weg…

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Wie immer in den letzten Tagen beginnt es nach dem Frühstück zu regnen. Ich trag’s mit Fassung, denn Regen macht ja bekanntlich schön – jünger wäre mir zwar lieber, denn das andere bin ich ja doch schon?!

Obwohl ich nun auf dem Elberadweg bin, sehe ich die Elbe bis jetzt praktisch nie; sie ist zu weit weg. Dafür komme ich irgendwann an einen Fluss namens Havel, das weckt in mir die Erinnerung an ein Gedicht von Fontane, das ich einst mit einer Schulklasse behandelte:

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,

Ein schönes Gedicht! Wer kennt’s?

Es steht mir im Moment aber weniger nach Poesie. Ich habe Hunger und überquere die Brücke und lande im schönen Städtchen Havelberg.

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Dort finde ich eine Pizzeria, bestelle einen Salat und Spaghetti Napoli. Fazit: Salat mit Fertigsauce, Spaghetti mit Fertigsauce. – Lieber Wirt, mach doch bitte was anderes, wenn du nicht kochen willst! (Der Spruch «Wer nichts wird, wird Wirt», kommt mir auch noch in den Sinn.)

Nach diesem kulinarischen Tiefflug geht’s weiter Richtung Wittenberge. Und nun wird es sehr schön, hier ein paar Impressionen:

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Nach über 140 km komme ich in Wittenberge an – nein, es ist nicht das Luther-Wittenberg, das liegt in Sachsen und wir sind hier in Brandenburg. Der Wind war heute barmherzig mit mir: er blies weniger stark als am Vortag und oft auch von hinten. So trudle ich um 16.45 im Hotel ein, viel früher als befürchtet.

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Cooles Hotel, eine ehemalige Ölfabrik, mit Freiluftbühne:

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Und so schreibe ich an meinem Blog:

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Bis morgen wieder…

Day 7: Merseburg-Magdeburg (Zürich-Hamburg-Zürich-Tour)

 

Ein bisschen später als sonst, nämlich um 6.30 Uhr verlasse ich Merseburg, von dem ich wenig gesehen habe. Bald schon komme ich nach Halle, eine weitläufige Stadt, die nicht mehr enden will. Die Strasse sind wie ausgestorben – was ist denn hier los (oder eben nicht los)? So macht alles einen ziemlich trostlosen Eindruck; die löchrigen Strassen und verfallenen Häuser, an denen ich vorbeifahre verstärken diesen Eindruck.

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Irgendwann dämmert es mir: Heute ist ja Samstag und in dieser Herrgottsfrühe schlafen die Leute noch – Rätsel gelöst. Leider fahre ich nicht durchs Zentrum, so kann ich nicht beurteilen, ob diese Stadt auch noch Schönes zu bieten hat. (Komoot sucht immer den kürzesten Weg, was manchmal schade ist, denn die Chance ist so gross, dass man z.B. an einem historischen Stadtkern vorbeifährt.)

Wie dem auch sei, mich gelüstet in diesem Moment eher nach Kaffee und feinen Brötchen als nach historischen Stadtkernen. Ich bin glücklich in einem Aussenbezirk einen Bäcker mit Cafe zu finden; so mache ich einen Halt und nehme mein Frühstück ein.

Bald schon wieder brech ich auf. Es wird grau und gräuer (grauer?) und zu meinem Missfallen beginnt es zu regnen. Schnell die Regenkleidung montiert – ich hab darin nun ziemlich Übung – und weiter geht’s.

Es ist ziemlich trist in strömendem Regen unterwegs zu sein und dazu noch den starken Wind im Gesicht zu haben. In dieser Situation kommt mir der erste Satz in den Sinn, den ich im Französischunterricht gelernt habe: „La rue est grise et triste“. Eigentlich ist hier aber der Himmel grau, also: „le ciel est gris et triste et il pleure“…

Immer mal wieder tauchen Windräder aus dem Grau auf, es sind wohl Hunderte, die ich im Verlaufe des Tages erblicke. Wieviel Strom die wohl produzieren bei diesem Wind?

Glücklicherweise hört es nach ca. 2 Stunden zu regnen auf, aber es bleibt grau und extrem windig. Da ich mehrheitlich nach Norden fahre und der Wind von Nordwest bläst, kämpfe ich den ganzen Tag gegen den Wind an – sehr unangenehm und kräfteraubend.

Wie schon am Tag zuvor bessern Kirschbäume meine Laune auf. Es ist unglaublich, wieviele Kirschbäume mit reifen Kirschen am Wegrand stehen – und, man darf sich bedienen… So habe ich eine willkommene Zwischenverpflegung und «mein Motor» wieder etwas Treibstoff.

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Auf was für Strassen ich fahre, interessiert vielleicht den Leser. Heute war wieder alles dabei: Hauptverkehrstrasse (Köthener Landstrasse) mit ziemlich viel Verkehr, Nebenstrassen mit wenig Verkehr, Fahrradwege in unterschiedlichsten Qualitäten, sehr holprige Feldwege und immer wieder Abschnitte mit Kopfsteinplaster (die Hölle). Die sind offenbar besonders beliebt hier in der ehemaligen DDR; zwar schön anzusehen, aber es ist sehr unbequem mit dem Velo darüber zu fahren; da wird einem – positiv ausgedrückt – der Hintern so ziemlich durchmassiert!

Ich versteh jetzt aufgrund eigener Erfahrung, wieso die sogenannten Pavé-Sektoren beim berühmten Radrennen Paris-Roubaix (in der Hölle des Norden) so unbeliebt sind.

Das Wetter hat sich inzwischen aufgehellt und blauer Himmel ist zu sehen. Nach Bernburg biege auf den Saale-Radweg ab und fahre nun auf dem schönsten Stück des heutigen Tages:

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Auf diesem Saale-Radweg fallen mir merkwürdig verlaufende parallel verlaufende Metall-Rohre auf: Was die wohl für einen Zweck haben? Und weshalb machen sie diesen merkwürdigen Bogen? Ich hab keine Ahnung!

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Dann plötzlich ein Problem: Ich sollte den Fluss oder einen Seitenarm davon mit der Fähre überqueren; diese liegt schön parat, aber ein Fährmann ist weit und breit nicht zu sehen. Auf einem Schild lese ich, dass die Fähre erst wieder in 2 Stunden den Betrieb aufnimmt. Dumm gelaufen!

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So fahre ich wieder mehr als 3 km zurück und nehme den Weg über eine Brücke, was mich mindestens ein halbe Stunde kostet. Dafür fahr ich nun durch ein interessantes Städtchen namens Calbe. Dieser Ort hat schon bessere Zeiten gesehen. Das sieht man an den vielen schmucken Häusern – daneben gibt’s aber auch viele leerstehende und halbverfallene Gebäuden – eine Mischung, die ich schon öfters angetroffen habe im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat.

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Weiter geht’s Richtung Norden. Der Wind bläst mir inzwischen fast schon orkanartig ins Gesicht; ich komme kaum noch vorwärts. Wie willkommen sind da wieder Kirschbäume am Wegrand. Ich schlag mir den Bauch voll – so viele Kirschen wie heute habe ich noch nie verdrückt in meinem Leben!

Nach langem Kampf gegen den Wind komme ich endlich in Magdeburg an. Erstmals sehe ich nun die Elbe.

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Auf dem Elbe-Radweg werde ich nun die nächsten Tage bis nach Hamburg weiter fahren. Ich hoffe einfach, dass sich ab morgen die Windrichtung ändert…

In Magdeburg übernachte ich im B&B-Hotel. Mein Zimmer ist apart, mit Fernseher in HD-Qualität (heute spielt Deutschland, das lasse ich mir nicht entgehen), einfach und zweckmässig eingerichtet und sehr preiswert. So sollte es immer sein!

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Fakten: Gefahrene Strecke 115 km, Fahrdauer 8 Std. 1 Min.
Übernachtung im B&B-Hotel Magdeburg (sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis!)

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Day 6: Arnstadt-Merseburg (Zürich-Hamburg-Zürich-Tour)

Ein ereignisreicher Tag beginnt um 05.15. Das ist meine Standardtagwache; so kann ich um 06.00 losfahren. Es wird aber heute 06.10 Uhr, bis ich das schmucke Kleinstädtchen Arnstadt verlasse.

Schon bald erreiche ich die Landeshauptstadt Erfurt, eine ziemlich grosse Stadt mit viel Verkehr – ich bin froh, als ich sie wieder verlasse. Weiter geht’s Richtung Weimar, der Tag ist grau, kalt und windig. Im Gegensatz zum Vortag weht nun der Wind wenigsten meist von hinten – Glück gehabt.

Nach einem ruppigen Anstieg auf Kopfsteinplaster entdecke ich einen wilden Kirschbaum mit kleinen schön gereiften Kirschen – die lasse ich mir nicht entgehen und mache eine kleine Pause.

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Kurz vor Weimar fallen die ersten Regentropfen; ich bin froh, dass ich bald dort bin und mich in einem Cafe namens Wiener Feinbäckerei aufwärmen kann.  Zum Kaffee esse ich einen französischen Apfelkuchen, er ist köstlich. Ich könnte locker einen zweiten verdrücken, aber ich beherrsche mich.

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Eine Frau, die sieht, dass ich mein Frühstück fotografiere, sagt verwundert zu ihrer Mutter: «Schau, der fotografiert seinen Kuchen.»

Da es immer noch regnet, muss ich für die Weiterfahrt wohl oder übel meine Regenklamotten überziehen. Nach der Platzregenerfahrung meines ersten Tages weiss ich nun, dass ich die Regenhose über die Schuhschütze stülpen muss – damit das Regenwasser nicht in die Schuhe läuft.

Ich fahre nun durch den Regen, was eigentlich gar nicht so schlimm ist, wenn man dagegen gut ausgerüstet ist. Unterwegs fahre ich an vielen Kirschbäumen mit reifen, grossen Kirschen vorbei.

Bei einem Baum gelingt es mir, einen Ast herunterzuziehen und an wunderbare Kirschen zu gelangen; ich renk mir dabei fast die Arme aus. Das wäre gar nicht nötig gewesen, merke ich 500m weiter: Ein durch den Wind heruntergeschlagener Ast mit vielen Kirschen liegt direkt am Wegrand – ich brauch nicht mal vom Velo zu steigen, um sie zu naschen.

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Weiter geht’s – unter leichtem Regen – meist der Saale entlang. Ich durchfahre eine Kleinstadt mit dem merkwürdigen Namen Apolda.

Wenig später kann ich meine Fahrt nicht fortsetzen: Ein Fahrverbotsschild und eine rigorose Absperrung lassen nichts Gutes erahnen.

Ich inspiziere die Lage und muss erkennen, dass eine Weiterfahrt auf dem Fahrradweg nicht möglich ist; eine Brücke wird neu gebaut und ein Überqueren des Flüsschen somit ausgeschlossen. Ein wenig verärgert laufe ich zum meinem Fahrrad zurück und sehe dabei bei der Fahrverbotstafel einen nächsten ratlosen Velofahrer, der plötzlich verwundert ruft: «Das ist ja der Schweizer». Jetzt merke auch ich zu meiner grossen Überraschung, dass die junge Frau vor mir steht, die ich vor zweit Tagen schon mal getroffen hatte und mit der ich ein lustiges Velorennen bestritt. Was für ein riesen Zufall – wir sind beide perplex!

 

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Nun setzen wir die Fahrt gemeinsam fort. Loreta, so heisst die junge Frau, ist auf dem Weg nach Berlin. Sie ist ausgebildete Krankenschwester und Litauerin (lebt aber schon lange in Deutschland) hat soeben auf dem Zweitweg das Abitur geschrieben (ohne das Resultat zu wissen) und hat vor, Life Science zu studieren. (kann mir immer noch nicht genau vorstellen, was das ist, obwohl sie versucht hat, es mir zu erklären)

Unterwegs machen wir einen kleinen Abstecher in die schöne Stadt Naumburg, die ein wenig abseits des Velowegs liegt. Wir sind hungrig – es ist schon 14 Uhr – und steuern deshalb ein Restaurant an. Dort verdrücke ich einen Fitnessteller und Loreta eine Rösti. Es gibt in diesem Restaurant viele verschieden Arten von Röstis (ist hier übrigens maskulin: der Rösti), ich bin erstaunt, da ich bisher Rösti als Schweizer Nationalgericht kannte und absolut nicht hier in der ehemaligen DDR erwartete…

Bei wieder schönem Wetter fahren wir weiter und geniessen die schönen Aussichten, die sich uns bieten.

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Dann, Auf einer Abfahrt auf schmalem Pfade schüttelt es mich über eine Wurzel: Es gibt einen lauten Knall – es ist ein Platten! Dazu noch auf dem Hinterrad. Das ist der erste Platten während meinen Velotouren, seitdem ich wieder velofahre. Ich habe also keine Erfahrung im Schlauchwechseln. Zum guten Glück ist Loreta da, sie sagt mir, wie es am besten geht und hilft tatkräftig mit, den Schaden zu beheben. Mal wieder Glück gehabt!

Wenig später müssen wir uns verabschieden: ich bin in Merseburg angekommen und Loreta fährt weiter zu einem Freund nach Halle. Wer weiss, vielleicht treffen wir uns ja nochmal…

Kurz vor dem Ziel entdecke ich ein Fahrradgeschäft; schnell hin, ich brauch ja wieder einen Ersatzschlauch. Der Besitzer gibt mir noch Tipps, (z.B. Pneus auf 4 bar pumpen. Er meint auch, dass der Schlauch geplatzt sei, weil er mit zu wenig Druck gepumpt war: Also, ich habe wieder was gelernt!)

Um 18.30, viel später als geplant, treffe ich im Hotel ein. Dort wasche ich meine schmutzige Wäsche, denn die frische geht langsam zur Neige. Ich befürchte sie wird nicht trocken bis morgen.

Dann ist ja heute noch das 2. Fussballspiel der Schweizer Nationalmannschaft; gerade rechtzeitig bin ich bereit für dieses Spiel, ich nehm ein Bier u. Nüsschen aus der Minibar und esse zwei Brötchen dazu; das ist heute mein Nachtessen.

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Die Schweiz gewinnt; der lange, erlebnisreiche Tag endet perfekt – halt, nein ich muss ja noch meinen Blog schreiben…

Fakten: Gefahrene Strecke 142 km (Umwege!) 1020m aufw. 1200 m abw., Fahrzeit 9 Std.
Übernachtung im Radisson Blu Hotel, Halle-Merseburg

 

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Day 5: Bamberg-Arnstadt (Zürich-Hamburg-Zürich-Tour)

Punkt 05.25 fahr ich von Bamberg los. Die Nacht war kurz, da ich mich am Vorabend noch mit der Detailplanung der 2. Woche beschäftigte und ausserdem in der Strasse vor meinem Hotel bis weit in die Nacht hinein grosser Lärm und Partystimmung herrschte.

Jetzt, frühmorgens, ist es ruhig, nur die vielen leeren Bierflaschen und Scherben zeugen von den nächtlichen Trinkgelagen.

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Wenig später bin ich wieder in der Natur. Auf schönen Velowegen meist abseits stark befahrener Strassen geht’s in Richtung Coburg. In dieser grösseren Stadt, die ich nach knapp 50 Km erreiche, gibt’s endlich Frühstück. Erfreulich, dass es hier Joghurt mit frischen Früchten und Knuspermüesli gibt; da hellt sich doch meine Laune noch mehr auf!

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Weiter geht’s Richtung Thüringer Wald. Die Strasse steigt meist an; es wird heiss und die Sonne brennt auf meine schon jetzt krebsroten Arme.

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Nach einigem Auf und Ab gelange ich an den Oberlauf der Werra; die Naturstrasse neben diesem lustig dahinplätschernden Bächlein soll mich an dessen Quelle führen. Kilometerlang geht es aufwärts, wenn’s zu steil wird, steig ich ab und schieb das Velo. Am wunderschönen Werra-Teich mach ich eine kleine Pause. Es ist menschenleer hier; es gibt mir das Gefühl alleine auf dieser Welt zu sein – da hör ich plötzlich Stimmen und sehe ein älteres Ehepaar mit E-Bikes daher kommen. Sie halten an und bitten mich, eine Foto zu machen von Ihnen beiden, was ich gerne tue. Im Gegenzug macht der Herr dann eines von mir:

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Wenn ich mich so betrachte, kommt mir der Begriff MAMIL in den Sinn, den ich vor kurzem aufschnappte und der irgendwie auch zu mir passt: middle aged man in lycra (Mann in mittlerem Alter, der sich in zu enge Kunststoffkleidung zwängt, mit dem Ziel zu trainieren und damit abzunehmen – leider oft nicht von Erfolg gekrönt!).

Es geht weiter aufwärts bis ich endlich die Quelle der Werra erreiche, menschenleer und dazu noch eine Baustelle… ich fahr weiter und gelange endlich wieder in einen Ort: Masserberg. Scheint ein Kurort zu sein, ein wenig heruntergekommen zwar, aber hier sehe ich doch immerhin mal wieder ein paar Leute. In einem Cafe, das (vielleicht) bessere Zeiten gesehen hat, trinke ich eine wässrige heisse Schokolade und esse einen Thüringer Streuselkuchen (eine wahre Kalorienbombe). Der Wirt ist sehr wortkarg, schade.

Inzwischen ist es ziemlich grau und kalt geworden und ein starker Wind ist aufgekommen. Ein mühsames Auf und Ab beginnt, begleitet von starken Windböen, die mich manchmal fast von der Strasse blasen.IMG_3976

Deshalb bin ich froh, als endlich die Abfahrt von dieser unwirtlichen Thüringer-Wald-Landschaft beginnt. Zu guter Letzt beginnt es nun aber auch noch zu regnen. Natürlich warte ich viel zu lange, bis ich die Regenkleider überziehe und bin deshalb schon halb durchnässt, als ich mich endlich dazu entscheide. Und – das scheint ein Gesetz zu sein – hört es wenig später auch wieder zu regnen auf; und bald schon scheint auch wieder die Sonne.

Dafür kämpfe ich nun gegen den immer stärker werdenden Wind und komme kaum noch vorwärts. Dazu führt mich Komoot über Strassen, die beschönigend Single-Trail genannt werden (d.h. mit meinem Velo kaum befahrbar.)

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Schliesslich erreiche ich doch – nach sehr langer, anstrengender und abwechslungsreicher Fahrt mein Ziel: Arnstadt. In dieser Stadt hat der grosse J.S. Bach kurze Zeit in jungen Jahren gewirkt.

Nach kurzem Ausruhen im Hotel mache ich mich deshalb auf, seine Statue aufzusuchen. Die Stadt ist menschenleer, niemand da, der mich zusammen mit dem grossen Meister ablichten könnte. So mache ich halt ein Selfie, während ich seine Hand halte. Ich bin fast ein wenig ergriffen, habe ich doch manche Stunde mit seinen Werken verbracht, sei’s auf Geige, Klavier, Orgel oder auch als Chorsänger u. Dirigent.

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PS: Bach sitzt hier auf dem Orgelbänklein (deshalb die ein bisschen merkwürdig anmutende Pose)

Zufrieden schlendere ich in das Hotel zurück, wo ich mir eine Suppe und einen Fitnessteller gönne und daneben diesen Blogeintrag schreibe…

Fakten: Strecke 141 km, rauf: 1570 m, runter 1540 m, Fahrzeit: 10 Std. 8 Min.
Übernachtung im Hotel Goldene Henne, Arnstadt

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Day 4: Gunzenhausen-Bamberg (Zürich-Hamburg-Zürich-Tour)

Day 4: Gunzenhausen-Bamberg

Punkt 05.50 fahr ich los und verlasse Gunzenhausen. Es herrscht eine friedliche Stimmung so früh am Morgen. Ein wenig Nebel liegt über den Feldern, Ich entdecke einen Feldhasen (gibt’s die noch bei uns?), der gemütlich herumhoppelt. Es geht durch verschlafene Dörfer und wenig besiedelte Landschaften.

Ein Kirschbaum am weg lockt mit seinen Früchten; ich kann nicht widerstehen und pflück mir welche.

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Nach 35 km erreiche ich einen grösseren Ort: Schwabach

Gerade rechtzeitig, denn mein Magen knurrt schon bedrohlich. Nach der Riesentasse Milchkaffee, einem Joghurt mit Erdbeermarmalade und einem Dinkelbrötchen geht die Fahrt weiter Richtung Nürnberg. Der Verkehr nimmt zu, ich muss vorsichtig sein.

Schon von weitem sieht man den hohen Turm (Das neue Wahrzeichen Nürnbergs?).

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Ich passier ihn und gelange endlich in die Innenstadt, wo ich ein paar Fotos schiesse

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Die nächste Stadt auf dem Weg ist Erlangen. In dieser Stadt sieht man soviele Velos und Velofahrer wie ich es sonst nur in Amsterdam erlebt habe. Das ist eindrücklich und freut einen zu sehen.

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In einem schön gelegenen Cafe neben einem grossen Park bestelle ich eine Lachscremesuppe (nicht Lauch) und einen Caprese Salat. Schmeckt gut und sollte nicht dick machen.

Weiter geht’s bald dem Main-Donau-Kanal entlang, also geradeaus und der Rückenwind macht sich auch positiv bemerkbar.

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Unterwegs treffe ich eine junge Radfahrerin mit den gleichen gelben Satteltaschen und sehr viel zusätzlichem Gepäck (auf dem Bild noch ganz klein zu sehen). Ich spreche sie an und sie erzählt mir, dass sie an ein Kulturfestival nach Berlin fahre. Sie wundert sich, dass ich so wenig Gepäck habe … einen Kommentar dazu kann ich mir knapp verkneifen. Ich fahr wieder vor ihr los, aber wenig später holt sie mich ein, wechselt noch ein paar Worte mit mir – u.a. bewundert sie meine Profiausrüstung, (Smartphone als Navi etc.) meint noch, sie fahre halt lieber mit Karte und frage unterwegs halt dann die Leute… und lässt mich dann stehen. Wenig später sehe ich (ein ganz bisschen schadenfreudig), wie sie in eine Sackgasse hineinfährt. Komoot führt mich elegant um diese Sackgasse herum und ich liege wieder vorne. 15 Min. später überholt sie mich von neuem mit dem Kommentar «das geht ja hier wie an der Tour de France zu». Wieder etwa 15 Min. später – ich hatte sie zuvor schon fast aus den Augen verloren – nimmt sie die Schotterpiste auf dem Damm oben, während mich Komoot auf einen parallelen asphaltierten Wege unterhalb des Dammes lotst. Nun bin ich wieder schneller und überhol sie von neuem…

Nach dieser belustigenden Begebenheit erreiche ich schon bald Bamberg, eine wunderschöne Stadt -offenbar Weltkulturerbe wie mir jemand sagt. Ich bin zufrieden, dass ich hier einen Halt geplant habe und schaue mich hier noch ein wenig um.

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Nach dieser eher kurzen Etappe mit wenigen Steigungen fühle ich mich ziemlich gut; ein bisschen bange wird mir vor der morgigen Monsteretappe mit fast 140 km und vielen Steigungen…

Fakten: Strecke 113 km, 870m aufw., 6 Std. 54,
Übernachtung im Hotel SandStern, Bamberg

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