Als ich um halb sieben aufstehe, ist es trüb und es regnet ein bisschen. Natürlich bin ich auf diese Situation vorbereitet und ich montiere meine Regenklamotten bevor ich zu meiner 5. Etappe aufbreche. Es ist erstaunlich windstill an diesem grauen Morgen und ich bin froh, dass der Regen gerade aufhört, als ich losfahre.
Nach ca. einer Viertelstunde Fahrzeit staune ich über einen Cellokasten, der an einen Baum neben der Strasse angebunden ist. Hat da jemand sein Instrument an den Baum statt an den Nagel gehängt?

Das Rätsel löst sich schnell auf: Auf dem Schild am Häuschen zur Linken kann ich lesen, dass hier die „Scandinavian Cello School“ von Jacob Shaw beheimatet ist. Es ist interessant, hier mitten im Nirgendwo eine Cello-Schule vorzufinden; und ich erinnere mich nun, dass ich inmitten der Corona-Zeit in der NZZ einen Artikel gelesen hatte über Cellisten, die in Dänemark Konzerte vor Kühen gegeben hatten. Und voilà – das waren genau die Cellisten dieser Schule, wie man in verschiedenen Online-Zeitungen immer noch lesen kann:
https://www.sueddeutsche.de/panorama/bester-dinge-konzert-kuehe-cello-1.5286766
Ein schöne Geschichte, über die ich schmunzeln muss.
Etwas weiter merke ich, dass ich plötzlich sehr nahe beim Meer bin und als ich vom Velo steige und ein paar Schritte mache, entdecke ich einen schönen Sandstrand.

Nach ca. 20km passiere ich den ersten grösseren Ort, der Faxe Ladeplads heisst. Lustiger Name, der mich an „Wiki und die starken Männer“ aber auch an meine Jugend erinnert, in der mich einige Jugendfreunde „Faxe“ nannten. – Aber das ist schon lange her.
Gerade als ich über eine Znüni-Pause nachdenke, lachen mich wilde Pflaumen am Wegrand an – ich kann nicht widerstehen und geniesse die kleinen, aber wohlschmeckenden Früchte.

Es ist übrigens erstaunlich, wie viele dieser Wildpflaumenbäume (auch mit gelben und violett-blauen Früchten) man hier in Dänemark vorfindet – in der Schweiz z.B. gibt es meines Wissens keine Wildpflaumen.
Nach Praesto, eine Ortschaft die ich nur streife, fällt mir ein Schild ins Auge, bei dem ich über die dänische Sprache schmunzeln muss. Und ausnahmsweise verstehe ich das Angepriesene:

Die Kirche rechts im Bild, die „Skibinge Kirke“, ist eine bedeutsame Kirche, deren Ursprünge bis ins 13. Jahrhundert zurückgehen und deshalb auch Etappenort des sogenannten Mönchswegs ist. Der Mönchsweg (www.munkevejen.dk) ist ein Radfernweg, der in Hamburg beginnt und in Roskilde endet und die Christianisierung Dänemarks nachzeichnet.
Nach diesen historisch interessanten Fakten widme ich mich im Folgenden eher wieder weltlichen Bedürfnissen, denn ein Hüngerchen, das befriedigt werden will, beginnt sich immer heftiger anzumelden. Ein Café in der Ortschaft Vordingborg kommt deshalb gerade zur rechten Zeit. Von der imposanten nur auf dänisch verfügbaren Speisekarte wähle ich den „Tigersalat“, dessen Zutaten ich zumeist erraten kann.

Als mir der Salat serviert wird, stelle ich aber mit Schrecken fest, dass Shrimps der Hauptbestandteil des Salats sind. Ich bin ja eher konservativ, was das Essen anbelangt, und Meeresfrüchte gehören in der Regel zu den Speisen, um die ich einen Bogen mache. Der Salat schmeckt aber vorzüglich und ich esse fast alle Shrimps auf.
Der Himmel hat sich in der Zwischenzeit aufgeklart und ich geniesse wieder Sonnenschein und blauen Himmel.
Nach Vordingbord gelange ich in der Folge auf die kleine Insel Masnedo. Von hier aus erblicke ich eine imposante Brücke, die zur grossen Insel Falster führt.

Die Brücke ist über 3km lang und wurde in den dreissiger Jahren erbaut.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Storstr%C3%B8msbroen)
Mein Weg führt über diese Brücke. Die Durchfahrt ist ziemlich abenteuerlich, da es heftig windet und ich das Gefühl habe, Brille und Helm könnte der Wind mitreissen. Aber die Sicht von der Brücke aus ist fantastisch.

Da diese Brücke schon ziemlich baufällig ist, wird eine neue Brücke gebaut. Erste Arbeiten mitten im Meer sind dabei erkennbar.
Dies Insel Falster ist sehr von der Landwirtschaft geprägt aber wenig besiedelt. Ich überquere sie an ihrem nordwestlichem Rand und bin schon bald auf der Nachbarinsel Lolland, auf der mein heutiges Etappenziel liegt.
In Sakskobing lege ich eine Kaffeepause ein, denn ich bin gut vorwärts gekommen heute und habe keine Eile.

Der letzte Abschnitt führt entlang einer wenig befahrenen Strasse nach Maribo.

Um viertel vor fünf erreiche ich mein Etappenziel Maribo und stehe erstaunt vor meinem Hotel.

Nach dem Einchecken versorge ich mein Fahrrad in der gedeckten Garage und finde dort eine „Flugzeugbestuhlung“ der anderen Art vor:

Das Schnmunzeln geht weiter als ich das Zimmer betrete:

Toll ist die Terrasse des Hotels. Hier verbringe ich den Grossteil des Abends und schreibe an meinem Blog.

Gegessen haben ich noch nichts, aber Bier soll ja gleichzeitig Getränk und Mahlzeit sein.
Fakten Etappe 5: Rødvig – Maribo
Gefahrene Strecke: 100km
Durchschnittsgeschwindigkeit: 15.8 km/h
Übernachtung im Hotel Søpark, Maribo
