Als ich morgens erwache, höre ich Tropfgeräusche; das muss der angekündigte Regen sein. Ich öffne das Fenster meines Hotelzimmers und sehe Regentropfen auf das darunterliegende Dach prasseln (leicht übertrieben). Nun weiss ich, dass ich gleich zu Beginn meine Regenkleider montieren muss. So fahre ich – von unten bis oben regendicht eingepackt – kurz vor acht los. Ich verlasse mich wieder auf meine app Komoot, die mich schnell aus Sarrebourg hinausführt. Es regnet leicht und es ist unangenehm frisch. Nach einer knappen Stunde wird der Regen stärker, so dass ich unter einer Brücke anhalte und darauf warte, dass sich der Regen wieder abschwächt.

Bei Regen ist es viel komplizierter, eine Foto zu schiessen. Mein Iphone, welches mein Navigationsgerät ist, ist nebenbei auch mein Fotoapparat. Bei Regen steckt es in einem Gefrierbeutel in der Handyhalterung. Eine Foto zu machen bedeutet also in dieser Situation: Handschuhe ausziehen, Handy aus der Halterung lösen und aus dem Gefrierbeutel nehmen, evtl. Verbindungskabel zum Powerakku entfernen, den Gefrierbeutel sicher aufbewahren (sonst fliegt er davon), Foto machen und dann das ganze Prozedere in umgekehrter Reihenfolge…
Schon bald führt mich meine Fahrradroute wieder dem Marne-Rhein-Kanal entlang, der sich plötzlich in eine schöne Seenlandschaft umwandelt.

Ich mache hier meine erste Verpflegungspause und klaube mit klammen Fingern Cashewnüsse, gedörrte Früchte, alnatura-Bisquits und weitere Köstlichkeiten aus meiner Satteltasche. Wie gut, dass ich grosszügig eingekauft habe. Meine Odlo-Handschuhe sind inzwischen triefend nass geworden, sonst bin ich gut geschützt gegen den Regen.
Weiter geht’s dem Kanal entlang, der Regen ist inzwischen in einen Nieselregen übergegangen, der sich sehr herbstlich anfühlt; da ausserdem noch Gegenwind aufgekommen ist, komme ich nicht so richtig vorwärts und mir wird ein wenig bange, da meine heutige Etappe ziemlich lang sein wird.
Wieder unter dem Schutz einer Brücke mache ich um 11.30 Uhr eine kleine Mittagsrast:

Mittagsrast unter einer Brücke am Marne-Rhein-Kanal
Das ist eine ziemlich ungemütliche Sache, mir ist kalt und ich hätte mich lieber in einem Restaurant oder einem Café aufgewärmt, welche aber weit und breit nicht in Sicht kommen am heutigen Tag. Die Gegend hier ist wenig besiedlet, ich fahre selten durch Hausansammlungen, geschweige denn durch Dörfer.
Ich ziehe nun meine zweiten noch trockenen Handschuhe an, da es nun kaum noch regnet. Als ich endlich den Kanal verlasse, steigt die Strasse ein wenig an – ich komme fast ein wenig ins Schwitzen – und fahre danach durch ein ganz ansehnliches Dorf.

Heute sind ja Wahlen in Frankreich; erinnert daran werde ich durch die mit Frankreichflaggen behängten Wahllokale, an denen ich mehrmals vorbeifahre. Der Wählerandrang hält sich aber überall in Grenzen.
In Dombasle-sur-Meurthe (deutsch, veraltet: Dombasel an der Mörthe) erregt ein riesiger Industriekomplex meine Aufmerksamkeit. Es dampft, quietscht und rattert und ich frage mich, was hier wohl hergestellt wird. Und die Anlage sieht schon ziemlich abbruchreif aus…

Wie abends meine Recherchen ergeben, gehört diese Fabrik zum Solvay-Konzern (grosser Chemiekonzern mit Mutterhaus in Belgien und mehreren Standorten) und produziert hier Salz.
Als ich den Kanal auf einer interessanten Eisenkonstruktion überquere, erblicke ich von weitem eine riesige Kirche. Es ist die Basilika St. Nicolas du Port.

Gemäss Wikipedia weist die Basilika St. Nicolas du Port einen spätgotischen Flamboyant-Stil auf und verfügt über beeindruckende Ausmaße: das Kirchenschiff hat eine Höhe von 32 m, die Säulen sind mit 28 m die höchsten in Frankreich, die Türme erheben sich 85 beziehungsweise 87 m in die Höhe. Die Basilika beherbergt eine Reliquie des heiligen Nikolaus von Myra und war im Mittelalter ein bedeutendes Wallfahrtsziel.

Interessante Fakten – vor allem, wenn man bedenkt, dass diese Basilika in einem „Dorf“ von 7000 Einwohnern steht.
In der Nähe von Nancy erreiche ich die Mosel und fahre nun bis zum Etappenziel diesem Fluss entlang.

Um 17.30 Uhr erreiche ich mein Etappenziel Toul. Das ist ein kleines Städtchen an der Mosel, welches von einer gotischen Kathedrale überragt wird.
Erfreut stelle ich fest, dass gleich nebem meinem Hotel ein Spar-Laden geöffnet hat. Da werde ich mir etwas zum Nachtessen kaufen, da ich keine offenen Restaurants in der Nähe des Hotels entdeckt habe.

Ich bin ziemlich fertig nach dieser langen, kalten und regenreichen Etappe. Am liebsten würde ich mich nach dem „Abendessen“ ins Bett legen; aber ich muss ja noch den Blog schreiben.
Fakten Etappe 2: Sarrebourg – Toul
gefahrende Strecke: 112 Km
Durchschnittsgeschw.: 13.6 Km/h (wow, das ist langsam!)
hinauf: 390 m
hinab: 430 m
