Nach gutem Schlaf begebe ich mich um 07.00 in den Frühstücksraum; es hat sehr wenig Gäste – aus verständlichen Gründen – und ich setze mich an einen coronaunfreundlichen Tisch, auf dem schon alles vorbereitet ist, nur noch Kaffee und Orangensaft wird mir von der Kellnerin gebracht.
Bald schon breche ich auf und verlasse Luzern wieder auf dem gleichen Weg auf dem ich gekommen bin – der Reuss entlang.

Rückblick auf Luzern
Bald biege ich aber links ab und es erwartet mich schon die erste Steigung des Tages – es sollte nicht die letzte sein. Nachdem ich Littau durchquert habe, geht’s nun ins Entlebuch, das Tal, das von der kleinen Emme durchflossen wird. Vor Malters überquere ich diesen munter dahinplätschernden Fluss, der aber bei Unwettern auch schon Unheil angerichtet hat.

Kleine Emme bei Malters
In Malters rufe ich einen guten Freund an, der mit mir an Lehrmittelprojekten mitarbeitet, gerne hätte ich ihm Hallo gesagt und einen kurzen Schwatz geführt, er nimmt das Telefon aber nicht ab, vielleicht ist er ja gerade in einer Videokonferenz mit seinen Schülern.
Kurz nach Malters biegt mein Weg links ab, das ist eine Abkürzung, der Weg entlang der kleinen Emme wäre viel weiter gewesen. Als ich diese Holzbeige mit dem Blindfenster entdecke muss ich schmunzeln – das gibt doch ein tolles Fotosujet her:

Holzbeige mit Fenster
Es ist fast immer das Gleiche mit den Abkürzungen: Der Weg ist zwar kürzer, dafür muss man Höhenmeter überwinden. Auch diesmal ist es so, zu Beginn ist es so steil, dass ich mein Fahrrad schieben muss. Ich habe aber einen schönen Rückblick

Landschaft bei Malters
Bis fast auf 1000 Meter ü. Meer steigt die Strasse an, bis sie wieder hinunter zur Ortschaft Entlebuch führt. Ab da ist die Route meist auf der Hauptstrasse, was ziemlich unangenehm ist, da es ziemlich viel Verkehr hat an diesem Mittwoch morgen.
In Schüpfheim (von den Einheimischen Schüpfä genannt) mache ich mal wieder einen Fotostopp.

Schüpfheim
In einem Café in diesem Ort decke ich mich mit Proviant ein und trinke hurtig einen Kaffee. Ich möchte nicht zu viel Zeit verlieren, denn ich bin ziemlich langsam unterwegs heute wegen den vielen Steigungen, die ich zu bewältigen hatte. So breche ich bald wieder auf.
Nach Schüpfheim ist die Route nun endlich ziemlich gleichmässig eben, dazu hat es einen schmalen Radweg und der Rückenwind gibt mir auch Unterstützung – so gefällt’s!

Radweg nach Escholzmatt
In der nächsten grösseren Ortschaft, Escholzmatt, befindet sich die Wasserscheide zwischen kleiner Emme und Ilfis, die im Gegensatz zur kleinen Emme nach Westen fliesst.

Escholzmatt
Nach kurzer Abfahrt biege ich links weg und komme in ein sehr schönes Tal, das nach Marbach führt. Hier hat es wenig Verkehr und ich komme gut vorwärts auf dem neu angelegten Radweg.

Radweg Richtung Marbach
Nach einer angenehm zu bewältigenden Anhöhe komme ich nun in den Kanton Bern. Offenbar ist hier Beat Feuz, der Schweizer Abfahrtsskistar aufgewachsen, denn ich werde begrüsst mit seinem Bild und ich würde mich nun im Weltmeistertal befinden. Das Weltmeistertal ist das hintere Emmental und die Ortschaft heisst Schangnau.

Schangnau im Emmental
Eigentlich würde der Weg hier weiter nach Thun führen (mein usprüngliches Etappenziel). Ich hatte aber dann die Idee nach Interlaken zu fahren. Das Problem dabei: Der Weg führt über einen kleinen Pass, den ich nicht kenne und der ziemlich hoch ist mit seinen 1550 Metern.
Zuerst aber geht’s runter an die Emme, die Abfahrt macht Spass. Doch sobald ich die Emme überquert habe, hört der Spass auf. Eine ruppige Steigung erwartet mich. Ich steig von meinem Drahtesel und schieb und schieb. Es hat kaum Leute hier auf diesem Nebensträsschen, nur einmal werde ich locker flockig von einem Paar mit E-Bikes überholt, denen ich zurufe, ich hätte auch gerne ein E-Bike – aber insgeheim wünsche ich, dass ihr Aku bald leer ist.
Die Steigung ist endlos, aber die Strasse führt durch eine schöne Landschaft mit immer wieder ändernden Ausblicken

Rückblick auf Schangnau
Sehr froh bin ich, als der Weg ebener wird und ich nun endlich wieder fahrenderweise vorwärts komme.

Richtung Eriztal
Auf einer Anhöhe auf der ich einen Ausblick ins Eriztal habe (von diesem Tal habe ich noch nie gehört), mache ich meinen Mittagshalt.

Eriztal
Dieses Tal fahre ich in der Folge hoch. Bald schon muss ich vom Velo steigen, ein steiler Schotterweg macht ein vernünftiges Fahren unmöglich.

Auf dem Weg zum Grünbergpass
Es ist aber sehr schön hier und ausser 2 Mountainbikern und ein paar wenigen Wanderern begegnet mir auf dem Aufstieg zu diesem Säumerpass niemand.

Eriztal
Ich schieb und schieb, während der Weg immer schlechter wird und die Steine darauf immer grösser werden. Ich komme mir vor wie ein Bergwanderer, der dummerweise noch ein Fahrrad dabei hat.

Nicht gerade das, was man sich unter einer Fahrradroute vorstellt!
Als ich endlich oben bin, erwartet mich ein wunderbares Plätzchen mit einer tollen Aussicht und mit Bänken, die mich zu einem Nickerchen einladen – ich lass mich nicht zweimal bitten und lege mich für ein Viertelstündchen hin.

Beim Grünbergpass
Gespannt bin ich auf die Abfahrt, oder muss ich wie aufwärts zu Fuss gehen, weil der Weg so schlecht ist? Zum guten Glück ist der Weg auf der Südseite dieses Passes weniger ruppig; ich gehe zwar zu Beginn auch ein Stückchen zu Fuss – aber bald schon kann ich fahren, langsam zwar und dabei muss ich höllisch aufpassen, dass ich nicht über zu grosse Steine oder zu schnell über Wasserrinnen fahre.
Bald schon ist die Strasse geteert, ich bin sehr froh darüber.

Strasse oberhalb von Habkern
Unterwegs überhole ich drei Wanderer mit Hund. Als ich vorbeifahren möchte, ruft jemand «Pass auf Beni». Ich rufe zurück «Heisst der Hund Beni?». «Ja», sagt die Frau. Ich entgegne, dass ich auch so heisse und wir müssen alle lachen…
Von Habkern wird die Strasse breit und komfortabel. Im Nu bin ich unten in Interlaken, respektive Unterseen, wo sich mein Hotel befindet. Dort angekommen unterhalte ich mich ein wenig mit dem Gastgeber, der mir davon erzählt, wie anders es nun sei hier in Interlaken seit dem Corona-Lockdown.
Vor dem Duschen sehe ich mich noch ein wenig um hier in Interlaken, fahre die Flaniermeile hoch und sehe die leeren 5-Sterne-Hotels, die immer noch geschlossen haben. Interlaken selbst hat – so wie ich finde – eigentlich nicht allzu viel zu bieten; es sind sicher die nahen, berühmten Berge, die diesen Ort attraktiv machen.
Das schönste Sujet bieten die Baby-Schwäne, die wirklich süss sind.

Schwäne in der Aaare
Und damit man mir glaubt, dass ich in Interlaken war, hier noch in Bild eines berühmten Hotels in diesem Ort.

Hotel Victoria, Interlaken
Kulinarisch habe ich auch heute abend Glück: Gleich neben dem Hotel befindet sich ein italienisches Restaurant mit grosser Gartenwirtschaft. Gerne setze ich mich dort an einen freien Tisch und geniesse einen gemischten Salat und Penne Arrabiata; natürlich darf der Corretto con Grappa zum Schluss nicht fehlen.

Nachtessen im Ristorante Arcobaleno, Oberseen.
Ich bleibe noch lange sitzen und beginne am meinem Blog zu schreiben.
Zurück im Hotelzimmer schau ich aus meinem Fenster und erblicke als Krönung des Tages die im Abendlicht strahlende Jungfrau, den nebst dem Matterhorn bekanntesten Berg der Schweiz.

Blick auf die Jungfrau
Mit diesem schönen Eindruck endet ein abenteuerlicher, aber sehr schöner Tag.
Die heutige Tour ist nur hartgesottenen Tourenfahrern zu empfehlen, denen es nichts ausmacht, zusammen mit dem Fahrrad eine Bergwanderung zu machen. Ich habe die heutige Etappe aber trotz aller Mühen sehr genossen.
