Eigentlich würde ich heute von Genf startend der Rhône entlang fahren mit dem Ziel Arles, der letzten grösseren Stadt vor der Mündung der Rhône ins Meer. Es hat nicht wollen sein.
Als Ersatzprogramm für die ins Wasser respektive dem Coronavirus zum Opfer gefallene Rhônetaltour mache ich halt nun in diesen Ostertagen kleinere Rundfahrten von meinem Wohnort Egg aus. Da ich versuche, diese gemäss den bundesrätlichen Empfehlungen durchzuführen, also keine Benutzung des ÖV und Hotspots vermeiden, nenne ich sie Corona-Tours.
Heute starte ich also zu meiner ersten Corona-Tour. Ich möchte der Glatt entlang fahren bis zu ihrer Mündung in den Rhein und nachher übers Bachser Tal und den Katzensee wieder zurück nach Egg.
Nach dem Motto „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ stehe ich um 05.30 Uhr auf, esse reichlich Frühstück und mache mich um 07.15 auf den Weg.
Es ist sehr frisch an diesem Morgen, aber ich bin warm eingepackt, an den Fingern meine Odlo-Langlaufhandschuhe.
Zuerst geht’s runter an den Greifensee; die soeben aufgegangene Sonne verbreitet ihr warmes Licht, weshalb ich an einer Stelle mit wunderbarem Ausblick anhalte und mein erstes Foto mache:

Sonnenaufgang am Greifensee
Bald schon bin ich unten am See und fahre diesem auf gut ausgebauten Fahrradwegen entlang. Es sind noch kaum Leute unterwegs, vereinzelte Jogger und natürlich Hündeler, denen ich Laufe dieses Morgens zu Hunderten (ein bisschen übertrieben!) begegne.
Bei Fällanden könnte ich eigentlich zur „Quelle“ der Glatt fahren, d.h. an den Ort, wo sie aus dem Greifensee austritt. (Ich habe extra noch gegoogelt zur Glatt und auf Wikipedia folgenden ein bisschen merkwürdig klingenden Satz gefunden: Die Glatt ist ein Fluss im Kanton Zürich von 38,5 Kilometern Länge, der den Greifensee zum Rhein entwässert. – Ich weiss schon, man sollte Wikipedia-Texte nicht ungefiltert übernehmen, das sagen wir unseren Schülern auch immer).
Komoot führt mich aber entlang der Hauptstrasse Richtung Dübendorf. Von dort weiter nach Zürich-Schwamendingen. Dort haben wir mal gewohnt vor langer Zeit. „Eichacker“ war die Adresse, natürlich mache ich ein Foto vom Namensschild:

Zürich-Schwamendingen
Wenig später erreiche ich die Glatt, es bietet sich mir kein schönes Bild: Die Glatt zwängt sich zwischen Autobahnpfeilern und den Anlagen des Fernwärme-Kraftwerks Aubrugg hindurch: (Wikipediatext: Die nordöstlichen Ausläufer der Stadt Zürich passierend, wird der Flusslauf stark von der sich ausweitenden Agglomeration bedrängt – frei übersetzt: Die Agglomeration sprach zur Glatt: „mach Platz, du bist im Weg!“)

Glatt beim Fernwärme-Kraftwerk Aubrugg
Bald schon aber wird es idyllischer, man würde das gar nicht erwarten, die Flughafenregion ist sonst eher eine unwirtliche Gegend:

Holzbrücke über die Glatt Nähe Flughafen
A propos Flughafen: Bis jetzt – ich bin schon ca. 2 Stunden unterwegs – habe ich gerade mal 2 landende und 1 startendes Flugzeug gesehen. Normalerweise würde hier Hochbetrieb herrschen mit startenden und landenden Flugzeugen im Minutentakt. Aber was ist schon normal momentan?
Ich geniesse aber die „himmlische“ Ruhe (= keine Flugzeuge am Himmel) und fahre nun fast immer der Glatt entlang, die über weite Strecken begradigt und reguliert wurde.
Wenig später bin ich ganz nah beim Flughafengelände und man sieht gut die herumstehenden Flugzeuge der SWISS:

Flughafen Kloten
Die Hündeler werden nun auch wieder mehr, glücklicherweise halten sie und ihre Hunde Distanz – wie es sich gehört in der Zeit des social distancing. Schmunzeln muss ich als eine Frau ihren Hund ruft: „Alabama, wart!“ Ich stell mir darauf vor, dass Hunde Schweizer Kantonsnamen als Namen hätten: „Aargau, daher“ oder „Solothurn, Platz!“…
Bei Bülach überrascht mich eine alte Fabrikruine; das sieht ja aus wie in Italien, denke ich. Es war vielleicht mal eine Spinnerei, die früher die Wasserkraft der Glatt nutzte.

Fabrikruine bei Bülach
Der Unterlauf der Glatt ist besonders schön, vor allem auch an diesem wunderbaren Frühlingstag:

Glatt nach Glattfelden
Nach einem eindrücklichen Bahnviadukt verschwindet die Glatt in einem Stollen und nährt darauf das Rheinkraftwerk bei Eglisau.

Glatt kurz vor Mündung in den Rhein
Jetzt habe ich also mein erstes Ziel erreicht. In einer Schlaufe über das Bachsertal geht’s nun wieder zurück.
Nach einer Weile Fahrt entlang des Rheins, den man aber nicht sieht, und einem kurzen Abstecher auf Aargauer Gebiet bei Fislibach, biege ich links ins Bachsertal ab. Es ist sehr ruhig hier und es hat kaum Verkehr.

Bachsertal
Ein Steinbruch (oder eher Ton?) erweckt meine Aufmerksamkeit und ich frage mich, was hier abgebaut wird. Oder wird hier ein potenzielles Endlager für Atomabfälle sondiert? Ich weiss es nicht, aber vielleicht kann mich ein informierter Leser ja darüber aufklären.

Abbaustätte von ???
Es geht nun stetig aufwärts, nicht sehr steil zwar, aber doch anstrengend. Ich merke, dass meine Beine zu schmerzen beginnen; auch der Hunger beginnt mich zu plagen. Nirgendwo entdecke ich aber ein schönes Plätzchen, wo ich eine Mittagsrast einlegen könnte.
Ich passiere das schöne Dörfchen Bachs:

Bachs
und erreiche bald darauf den höchsten Punkt des Aufstiegs, wo man eine wunderbare Fernsicht hätte, wenn es nicht so dunstig wäre heute:

Nach weniger interessanter Fahrt über Steinmaur und Dielsdorf erreiche ich den Katzensee. Weil er so schön durch die Bäume hindurchschimmert, entschliess ich mich, den Veloweg entlang der Hauptstrasse zu verlassen und auf schönem Pfade dem See entlang zu fahren. Ich mache das in Schritttempo, weil hier ziemlich viele Leute unterwegs sind. Auf einer schön gelegene Bank mit Blick auf den See kann ich nun endlich meine Brote essen. Ich wusste gar nicht, dass dieser See so schön ist!

Katzensee
Bald schon breche ich wieder auf und fahre über Zürich-Affoltern und Örlikon nach Schwamendingen. Dort erblicke ich zu meiner Überraschung unsere ehemaligen Nachbarn und guten Freunde, die sich auf einem Spaziergang befinden; das zufällige Wiedersehen ist das Highlight des Tages, finden wir alle.

Inge und Hans
Man muss wissen, dass ich ohne die beiden wahrscheinlich gar nicht so ein begeisterter Velofahrer geworden bin – sie gingen nämlich früher mit unseren Kindern jedes Jahr auf Velotour und weckten so die Begeisterung fürs Velofahren auch bei mir.
Wir plaudern ein bisschen und bald schon breche ich wieder auf. Ich bin nun wieder auf der gleichen Strecke wie am Morgen – nur fahre ich in die andere Richtung.
Im Aufstieg nach Egg, mache ich noch das letzte Bild des Tages:

Greifensee mit Blick auf Bachtel und St. Galler und Glarner Berge im Hintergrund
Fix und fertig erreiche ich wieder Egg. Fast 100km bin ich gefahren heute – nicht schlecht, da kann ich doch ganz zufrieden sein mit mir. Erschöpft lege ich mich hin und falle in Tiefschlaf…
C-Tour 1: Glattal und Bachsertal
06:16 Fahrzeit
97,5 km Strecke
15,6 km/h Durchschnittsgeschw.
800 m hinauf
800 m hinunter

Mächtige Strecke, aber sieht landschaftlich schön aus.
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