Der heutige Tag beginnt mit einem anständigen Frühstück im sehr familiären Logis-Hôtel des Oliviers.
Um 08.30 fahr ich los und wundere mich, dass mich Komoot über die Mosel und bald in ein unansehliches Kleinindustrieviertel führt; ich ärgere mich mal wieder über diese App, die wohl einfach wieder mal kopflos den kürzesten Weg wählt statt den Moselradweg zu nehmen. Zu allem Übel merke ich, dass mein Hinterreifen merklich wenig Luft hat – hab ich einen schleichenden Plattfuss, frag ich mich.
Da kommt eine Autowaschanlage gerade richtig; da hat es bestimmt auch eine Luftpumpe. Genau:

Ich pumpe den Reifen wieder auf 4 Bar und fahr ziemlich beunruhigt weiter. Auf einen Schlauchwechsel habe ich null Bock – und es ist natürlich wieder der Hinterreifen, der Probleme macht und da kriegt man beim Wechsel besonders schmutzige Hände. Ein helfender blonder Engel mit Erfrischungstüchlein ist diesmal auch nicht in Sicht. So fahr ich halt weiter und schau wie lange die Luft hält. Erstaunlich lange.
Nach ca. 30 km erreiche ich die Grenze zu Deutschland und verlasse Frankreich. Man merkt, dass die Deutschen fahrradbegeisterter sind als die Franzosen, denn der Moselradweg ist jetzt durchwegs beschildert und die Velowege in einem guten Zustand. Es hat sehr viele Leute unterwegs an diesem Ostermontag. Es ist auch landschaftlich sehr schön. Die Mosel ist nun gesäumt mit den berühmten Moselweinbergen.
Bald mache ich die erste Pause und setze mich auf eine Bank. Zum guten Glück habe ich noch Datteln und Cashewnüsse, denn die Läden sind heute alle zu.
Als ich da so sitze, fährt ein grosses Lastschiff vorbei. Es trägt den japanischen Namen «Sakura» (übersetzt Kirschblüte)

Dazu kommt mir doch gleich eine lustige Begebenheit in den Sinn, die sich vor etwa 10 Jahren zugetragen hat. (Meine Kinder würden jetzt sagen «Papa, wir kennen diese Geschichte, du hast sie uns schon hundertmal erzählt). Also, an unserer Schule hatten wir Besuch von japanischen Lehrpersonen, die zu Weiterbildungszwecken unseren Unterricht besuchten. Zu mir kam ein Mathematiklehrer in den Unterricht, und um ihm ein Freude zu machen, hatte ich die Idee, mit meiner Schülergruppe das japanische Lied «Sakura» zu lernen. Ich bat ihn, uns den Text vorzulesen, damit wir eine Idee hätten, wie der Text ausgesprochen wird. Er verstand mich wohl nicht genau und begann das Lied zu singen – leider konnte er aber überhaupt nicht singen. Natürlich liessen wir uns nichts anmerken und sangen anschliessend das Lied. Er hat sich sehr darüber gefreut.
Übrigens – sicherheitshalber pumpe ich den Hinterreifen wieder auf, er hatte doch wieder ein bisschen Luft verloren. Mal schauen wie lange es geht, bis er wieder hin und her zu eiern beginnt .
In der Folge fasziniert mich eine Entenfamilie mit neun Entenküklein. Was ist das wohl für eine Entenart? Solche Enten habe ich noch nie gesehen.

Bald schon erreiche ich einen Ort namens „Oberbillig“. Hier muss ich eine Fähre nehmen, die zum Ort „Wasserbillig“ übersetzt. Die Fahrt ist ziemlich billig: 70 Cent für das Fahrrad, 70 Cent für mich.

Fähre zwischen Oberbillig und Wasserbillig
Leider beginnt mein Hinterrad schon wieder hin und her zu schwanken. Schweren Herzens entschliesse ich mich, nun endlich den Schlauch zu wechseln. Als ich den Mantel kontrolliere, sehe ich, dass sich ein kleines scharfkantiges Kieselsteinchen in den Pneu «gefressen» hat und wohl den Schlauch leicht angeritzt hatte. Ich entferne das Steinchen und montiere den neuen Schlauch. Das geht doch ziemlich fix und ich bin stolz, dass ich das ohne Probleme schaffe

Zufrieden fahr ich weiter und bald schon verlasse ich die Route, denn ich möchte einen Blick auf die bekannte Stadt Trier machen, deren Zentrum auf der anderen Seite der Mosel liegt.
Ich bereue den kleinen Abstecher nicht, die Altstadt von Trier ist eindrücklich:

Altstadt von Trier
Und den Dom muss man einfach mal gesehen habe (älteste Bischofskirche Deutschlands). Ich installiere mich in einem Café gleich davor und geniesse den Anblick, während ich mich mit einem Eiscafé abkühle.

Dom von Trier
Gerne wäre ich hier noch ein wenig länger geblieben, aber ich hab ja noch ca. 30 km bis zu meinem Etappenziel Leiwen. Also fahr ich wieder los.
Ich habe wieder Wetterglück heute, nur weht manchmal ein sehr kräftiger Gegenwind, so dass ich nicht so recht vorankomme; ausserdem schmerzt das Knie immer noch. Ich bin aber froh, dass es nicht schlimmer ist als am Vortag ist, aber es handicapiert mich doch ziemlich (vor allem beim Bergauffahren).
Landschaftlich wird es nach Trier wieder sehr schön und ich geniesse trotz Wind und Schmerzen die schönen Landschaften im milden Abendlicht.

Die Etappe zieht sich hin heute und ich bin ziemlich fertig, als ich endlich Leiwen erreiche. Zu allem Unglück finde ich mein Hotel nicht, weder Apple-Maps noch Komoot kann mit der bei booking.com hinterlegten Adresse etwas anfangen. Also versuche ich es halt mit der alten Methode: Leute fragen. Das hilft. Um 19.15 Uhr komme ich endlich im «Eurostrand Resort Moseltal» an. Klingt ein bisschen merkwürdig und ist es auch: Massentourismus Konzept All Inclusive. Bekomme gerade noch ein Nachtessen, weil um 19.30 Uhr Schluss ist (bei den Franzosen beginnt um diese Zeit das Nachtessen frühestens). Ich setz mich deshalb in den Veloklamotten auf die Terrasse und kann mich am Buffet selbst bedienen. Drinnen sind wohl einige hundert Leute am Speisen:
Als ich zur Unterkunft komme geht das Staunen weiter: Ich habe ein ganzes Häuschen für mich alleine:

„Eurostrand Resort Moseltal“
Nach einer erfrischenden Dusche schaue ich mich noch ein wenig um in diesem Masssentourismus-Resort. Es ist für Leute ausgelegt, die sich nicht so gerne mit selbst beschäftigen. Im grossen Speisesaal spielen nun schätzungsweise 200 Personen Bingo, in der Bar läuft laute Musik, es gibt einen Bowling-Room etc.
Ich setz mich draussen hin, trink Gratis-Bier (gefährlich!!!) und schreib an meinem Blog. Auch hier draussen werde ich mit unerträglicher Musik berieselt. Ich bin froh, dass ich hier nicht Ferien machen muss – für eine Nacht ist es aber ganz ok.
Fakten:
Thionville – Leiwen
Gefahrene Strecke : 120 km
Rauf : 660 m/ Runter : 660m
Fahrzeit: 8 St. 5 Min.
Übernachtung im „Eurostrand Resort Moseltal“: Eher etwas für Familienferien etc. / Das All-Inclusive-Konzept ist perfekt für Leute, die gerne viel essen und viel trinken (Freibier!!!). Sehr schön gelegen.

Streckenplan Thionville – Leiwen