Day 19: Augsburg-Füssen (Zürich-Hamburg-Zürich-Tour)

Heute fahr ich um 07.20 Uhr los. Zuerst geht’s endlos durch die Agglomeration von Augsburg schnurgerade nach Süden; ich komme schlecht voran, da immer wieder Rotlichter den Fahrfluss bremsen.

Als ich aus der Agglo raus bin, habe ich endlich ein Fotosujet, eine Kirche mit Zwiebelturm (gemäss Wikipedia sind Zwiebeltürme ein typisches Kennzeichen barocker süddeutscher Kirchen – und in Süddeutschland bin ich ja gerade)

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Immer wieder sehe ich Schilder, wo «Romantische Strasse» draufsteht. Auf einer Schautafel am Weg kann ich mir (und euch) endlich einen Überblick verschaffen über diesen berühmten Radweg von Würzburg nach Füssen (den ich ja in weiten Teilen selbst auch durchfahren habe).

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Bis jetzt bin ich ganz gut vorangekommen, man meint es sei eben, aber trotzdem steigt die Strasse unmerklich an – es geht ja schliesslich ins höher gelegene Allgäu.

Doch unvermittelt stehe ich vor einer happigen Steigung – mein Weg führt nach Lechsberg (für mich eher Lechzberg). Die Wortspielereien um diesen Ortsnamen lassen  meine Gedanken zu einem kleinen Gedicht führen:

Lichtung
manche meinen
lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum

Kennt ihr den Autoren dieses Vierzeilers? (Mein heutiges Rätsel)

Während ich am Begriff «Romantische Strasse» herumstudiere (Können Strassen romantisch sein? Sind die Orte romantisch, an denen die Strasse vorbeiführt? Etc.) biege ich nach dem Lechsberg auf einen Waldweg ein – und voilà – die romantische Strasse liegt vor mir.

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Wenig später fahre ich an einem eindrücklichen Lindenbaum vorbei, welcher in mir die Assoziation weckt zum Schubert’schen Lindenbaum aus der „Winterreise“ («Am Brunnen vor dem Tore da steht ein Lindenbaum…») – Und dazu die bedrohlichen Wolken! – Da ist sie ja schon wieder, die Romantik…

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Ein paar Kilometer weiter lässt eine Schautafel mein Herz höher schlagen. Mein Fahrradweg soll ab hier auf dem ehemaligen Trassé des Sachsenrieder Bähnle (SB nicht SBB) verlaufen – ihr wisst inzwischen, dass das meine Lieblingsvelowege sind…

Eine weitere Schautafel dort stimmt mich nostalgisch: Da ist doch tatsächlich der «geliebte» Schienenbus (zuunterst) abgebildet, der mich in meiner Jugend jeweils von Thayngen nach Schaffhausen (DB-Strecke in der Schweiz) und zurück getragen hat.

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Schienenbusse sollen übrigens noch heute auf einer Museumsbahn hier in der Nähe verkehren (Fuchstalbahn bei Schongau). Die Strecke Thayngen-Schaffhausen wird heute ja von der SBB bedient – zum Glück, denn die DB hat mittlerweile einen ähnlich Ruf wie die FS!

Viel zu kurz dauert das Radeln auf dieser ehemaligen Bahnstrecke, denn bald kündigt die Frauenstimme von Komoot wieder Singglee-Trails an – was das bedeutet, wisst ihr ja inzwischen. Diesmal sind es einfach ganz gewöhnliche (umgangsspachlich «hundskommune») Waldwege, die ein zügiges Vorankommen verhindern. Zu allem Elend beginnt es nun auch noch zu regnen. Ich montiere meine Regenkleider und packe das iPhone in einen Gefrierbeutel; es soll ja auch trocken bleiben.

Als der Regen wieder aufhört, kann ich auch wieder fotografieren und diese grüne Landschaft festhalten:

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Wenig später erreiche ich einen der Lech-Stauseen, in dessen Wasser sich die dunklen Wolken spiegeln – wie romantisch!

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Auch Romantiker verspüren manchmal Hunger und sind deshalb froh, eine Bäckerei mit Café zu entdecken. In Lechbrück ist dies der Fall. Die Verkäuferin hat Freude an meinem Schweizerdeutsch (obwohl ich Standarddeutsch spreche) und verabschiedet – wohl inspiriert durch mich – auch deutsche Kunden mit «uf Widerluege».
Es gibt übrigens mal einen anderen Kuchen: Johannisbeerbaiser – mega lecker!

Nach diesem kleinen Aufsteller kämpfe ich auf den letzten Kilometern der heutigen Etappe gegen den Wind. Dieser weht nun kräftig aus dem Westen – ich fahr in diese Richtung. Ich kann nicht immer Glück haben!

Als ich den angekündigten Forggensee erreiche, bin ich erstaunt: Da ist kein See, nur eine merkwürdig anmutende Kies- und Sandlandschaft. Eine Einheimische klärt mich auf: Der Staudamm muss erneuert werden und deshalb wurde das Wasser abgelassen.

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Auf diesem Bild ist übrigens – ganz klein in der Bildmitte – ein berühmtes Schloss zu sehen. Kennt ihr seinen Namen? Erbaut hat es der sogenannte Märchenkönig Ludwig II, König von Bayern (er war ein bisschen „romantisch“ verrückt und hatte eine Riesenfreude an Schlössern).

Um 16.50 Uhr bin ich – ziemlich erschöpft – endlich am Ziel: Füssen. Ich fahr punktgenau zum Hotel und beziehe mein Zimmer. Es gefällt mir – nur das Schweizer Braunvieh müsste nicht sein!

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Ein kleines Problem muss ich noch lösen; der Zimmerschlüssel steckt aussen im Schloss fest, ich bring ihn nicht mehr raus…
Die Receptionistin kennt den Kniff und hilft mir aus der Patsche.

Lösung Rätsel:
– Der Dichter von „Lichtung“ heisst Ernst Jandl
– Das Schloss heisst „Schloss Neuschwanstein“ und liegt ca. 5 km von Füssen entfernt
– gestern habe ich mir zum Abschluss einen Coretto con Grappa (cürüttcüngrüpp) gegönnt

Fakten: gefahrene Strecke 113 km / aufw. 1010 m, abw. 690 m / Fahrzeit 7 Std. 54 Min.
Übernachtung im Hotel Filser in Füssen

D19

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