Als ich um 05.30 Uhr aufwache (ich habe mir eine Viertelstunde mehr Schlaf gegönnt) und aus dem Fenster meines Hotelzimmers schaue, sehe ich eine herbstliche Stimmung. Es hat Nebel und die Turmspitze der Kirche von Wittenberge verschwindet darin.

Mit einem Lunchpaket ausgerüstet (das war sehr nett, liebes Hotelpersonal), verlasse ich Wittenberg um 06.25 Uhr; ein bisschen später als üblich, meine heutige Etappe ist ja nicht so gewaltig lang…
Ich biege direkt vom Hotel alte Ölmühle auf den Elberadweg ein und ignoriere, dass mir Komoot eine andere Route vorgibt (Natürlich bereue ich dies bald, denn ich fahre eine weite Schlaufe, während Komoot wie immer den direkten Weg wählt). Ich komme an einer Slip-Anlage vorbei (was das wohl ist, bitte raten!) und geniesse die morgendliche Stimmung.

Leider merke ich bald, dass ich heute wohl gegen den Wind fahren muss, denn von Beginn weg weht mir dieser lästige Geselle ins Gesicht. Ich fahr gegen Westen, er kommt von dort: keine gute Kombination!
Schon bald mach ich Pause in einem Schutzhäuschen eines Boots-Clubs und verkleinere mein Lunchpaket:

In der Folge fahre ich oft auf den Hochwasserschutzdeichen – entweder auf der Krone oder auf dem parallelen auf der Rückseite des Deiches liegenden Verteidigungsweg. (Diese Begriffe habe ich von einer Schautafel, die den Deichbau und dessen Geschichte erklärt, falls ihr euch wundert, woher ich diese kenne…).
Immer wieder treffe ich auf Schafe, die offenbar für die Deichpflege zuständig sind.

Und was täglich wieder ein Thema ist: Ich brauch einen Kaffee! Deshalb kommt ein grösserer Ort, den ich nun erreiche, wie gerufen. Er heisst Lenzen, der Lenz ist aber vorbei – Herbsten würde eher passen; es ist aber eigentlich ein hübscher Ort, nur ist hier nichts los, einige Häuser stehen leer oder sind schon halb verfallen. Es bietet sich ein Bild, das ich nun schon öfters angetroffen habe in der ehemaligen DDR. Es hat immerhin ein Café in diesem Ort und so steuere ich dieses an und verlasse meine Route – «Du hast die Tour verlassen, wirf einen Blick auf die Karte», hör ich wieder…
Dummerweise öffnet das Cafe erst um 09.00 Uhr und es ist 08.50, also schau ich mich noch ein wenig im Ort um:

Ich verzichte diesmal darauf, den Kuchen zu fotografieren, möchte dafür ein bisschen mit dem Wirt ins Gespräch kommen, was schwierig ist – die Leute hier sind offenbar nicht so kommunikativ!
Ich komme wegen dem starken Gegenwind sehr langsam vorwärts, mein Durchschnitt von 13 km/h beunruhigt mich, da bin ich froh, dass ich vom windgepeitschten Deich abbiegen darf und bald auf eine Waldstrasse gelange, die kilometerlang geradeaus führt und windgeschützt ist; es ist sehr schön hier in diesem lichten Wald mit den vielen Föhren; nur die Strasse ist sehr holprig und erlaubt leider auch keine zügiges Fahren.

Nachher fahr ich wieder vor allem auf dem Hochwasserschutzdeich; es wäre sehr schön, wenn nur der Wind in die andere Richtung blasen würde. Zum guten Glück bin ich nicht der einzige Tourenfahrer, der nach Westen fährt – die meisten aber fahren in die andere Richtung.
Bei einem ehemaligen Wachturm des DDR-Grenzschutzes mach ich Mittagspause. Ich erfahre dort, dass die Elbe hier der Grenzfluss zur BRD war und diese Grenze mit einem Grenzzaun auf den Deichen, mithilfe von Wachtürmen und weiteren Alarmsystemen «geschützt» wurde, damit niemand die DDR verlassen konnte. Dunkle Geschichte, zum guten Glück seit 1989 Vergangenheit.

Die Elbe ist übrigens auf diesem Abschnitt gar nicht so oft zu sehen, eher selten fliesst sie so nahe beim Hochschutzdeich vorbei, wie es hier zu sehen ist:

Die Landschaft ist sehr dünn besiedelt hier: Wiesen, Weiden, Felder, Marschlandschaften soweit man blickt. Deshalb bin ich froh, als ich endlich mal wieder ein Städtchen erreiche: Es heisst Boizenburg und wirkt viel gepflegter als Lenzen.
Nach weiteren nicht enden wollenden ca. 13 km komme ich um 17.15 Uhr im Hotel Bellevue in Lauenburg/Elbe an; nicht ohne mich zuvor noch verfahren zu haben. Eine sympathische, quirlige Brasilianierin empfängt mich:

Sie zeigt mir mein Zimmer, nimmt Telefone ab, bedient die Hotelgäste beim Abendessen und ist hier offenbar für alles zuständig. Wo ist denn der Chef? Aha, eine Chefin, in der Küche, erfahre ich – offenbar ein richtiges Dreamteam!
Das Zimmer ist ein Traum:

Da werde ich bestimmt gut schlafen nach der heutigen anstrengenden Etappe! Gute Nacht!
Fakten: Gefahrene Strecke 116 km, Fahrzeit 8 Std. 56 Min.
Übernachtung im Hotel Bellevue, Lauenburg
