Wie fast immer beginnt mein Tag um 05.15. Ich packe schnell, Sonnencrème brauch ich nur im Gesicht und so bin ich um 05.55 Uhr fahrbereit. Die Strassen in Magdeburg sind an diesem Sonntagmorgen fast menschenleer; so fahr ich auf den Autostrassen und komme so schneller vorwärts als auf den mühsameren und meist holprigen Velostreifen. Rotlichter u. Sicherheitsstreifen kümmern mich nicht (bitte nicht nachmachen!) – es ist ja fast niemand unterwegs ausser mir.
Ich überquere die Elbe und verlasse Magdeburg, indem ich nordostwärts fahre. Irgendwann beginne ich zu stutzen: ich wollte doch den Elberadweg fahren und nicht kilometerlang schnurgerade aus in nordöstlicher Richtung irgendwohin fahren. Ich beruhige mich, Komoot wird sicher den schnellsten Weg finden nach Wittenberge, meinem Etappenziel.
Auf meiner Fahrt passiere ich einen schönen Ort namens Burg:

Kurz darauf überquere ich einen Kanal oder einen Fluss (es ist nicht die Elbe). Auf diesem kommt mir ein Lastkahn (mind. 100m lang) entgegen, gefüllt mit Metallschrott, vor allem geschredderte Autos:

Die Szenerie hat etwas Surreales; es ist Sonntagmorgen ca. 8 Uhr, die Landschaft ist wunderbar und da kommt mir dieses Schiff mit unserem Zivilisationsschrott entgegen… fast komme ich ins Philosophieren – lass es dann aber bleiben.
Weiter fahre ich durch schöne Landschaften; Kornfelder soweit man blicken kann.
Nach 50 km erblicke ich einen Deich, darauf der Elberadweg – endlich! Ich bieg darauf ein und krieg gleich die Krise: Just ab hier weg ist wegen Bauarbeiten der Radweg gesperrt:

Keine Umleitungsschilder sind zu sehen – der Radfahrer muss sich selbst zu helfen wissen: Mithilfe von Komoot suche ich mir einen Weg, der nach ca. 3 km zum Radweg führt. Das ärgert mich, denn die heutige Etappe ist schon genug lang, ich habe keinen Bock auf Umwege.
Ein Viertelstunde später nähere ich mich wieder dem Elberadweg. Aber Himmel, A. und Zwirn, immer noch Baustelle:

Jetzt bin ich richtig stinkig! Wie weit wird denn hier gebuddelt? Und wieder kein Hinweis, wohin der Radfahrer alternativ fahren soll. Also such ich wieder eine Umleitung, doch jetzt habe ich eine grösseres Problem: Die Umwege geraten aus dem Bereich meiner Offline-Karten hinaus, d.h. ich habe keinen Zugriff mehr auf Karten… quasi blind fahre ich wieder los und suche stegreifmässig einen Weg; gerate dabei auf einen Single-Trail.
Liebe Komoot-Leute schaut euch dieses Bild an und merkt euch: So sieht ein Single-Trail aus. Es ist wunderschön hier, doch leider ist es nicht der Elberadweg.
Nach langem «Blindfahren» habe ich irgendwann wieder Zugriff zu den Offline-Karten und kann den Weg zum Elberadweg wieder planen. Nach 60km bin ich endlich auf dem Elberadweg, stehe aber gleich wieder vor einem Problem:

Da geht der Elberadweg durch – ich fass es kaum, es gibt aber wirklich keine andere Möglichkeit als das Fahrrad über diese Brücke zu bugsieren. Nachdem ich dies geschafft habe, bin ich nun endlich auf dem ersehnten Elberadweg. Doch der Ärger geht gleich weiter: ich holpere über ungleichmässig verlegte Betonplatten, also quasi Riesenpflastersteine – ich komme als wieder einmal nicht vorwärts…
Schliesslich ist es doch soweit: In der Ferne erblicke ich die langersehnte Elbe:

Nun geht’s endlich wieder vorwärts; oft auf Deichen mit schön angelegten Wegen.
Leider habe ich bis jetzt noch nicht gefrühstückt, es ist 10.15 Uhr, der Magen knurrt mal wieder und Koffeinentzugserscheinungen machen sich bemerkbar. Also bieg ich rechts ab, als ich einen grösseren Ort sehe. Er heisst Jerichow (was für ein merkwürdiger Name: wir sind ja hier nicht in Palästina). Es ist aber hier wie meist überall: Tote Hose! Am Dorfausgang sehe ich eine grosse Kirche, ein schöner Backsteinbau, und fahr dahin. Zu meiner Überraschung ist die ganze Anlage ein Kloster – Kloster Jerichow – und , oh Wunder, beinhaltet ein kleines hübsches Restaurant. Es heisst Wirtshaus Klostermahl

Ich bestelle dort einen Kaffee und ein Stück Stachelbeerbaisertorte. Klingt vielversprechend, sieht lecker aus und ist es auch:

Stachelbeeren sind bei mir übrigens mit Kindheitserinnerungen verknüpft: Im Garten hatten wir 2 Stachelbeerstöcke, an denen ich jeweils gerne naschte. Ich meine, mich zu erinnern, dass unsere Mutter ganz selten auch Kuchen machte mit Stachelbeeren – weiss es aber nicht mehr ganz genau… Seitdem habe ich nie mehr Stachelbeeren gegessen – bis heute.
Die Stachelbeerbaisertorte (mir gefällt dieses Wort) verleiht mir Flügel: auf neu angelegtem Fahrradweg geht’s flott dahin; nur die Dame von Komoot nervt immer wieder: «Du hast die Tour verlassen, wirf einen Blick auf die Karte, die Tour liegt 60m links von dir». Das ist mir aber Wurst, es fährt sich hier wunderbar und ich sehe links von mir keinen Weg…

Wie immer in den letzten Tagen beginnt es nach dem Frühstück zu regnen. Ich trag’s mit Fassung, denn Regen macht ja bekanntlich schön – jünger wäre mir zwar lieber, denn das andere bin ich ja doch schon?!
Obwohl ich nun auf dem Elberadweg bin, sehe ich die Elbe bis jetzt praktisch nie; sie ist zu weit weg. Dafür komme ich irgendwann an einen Fluss namens Havel, das weckt in mir die Erinnerung an ein Gedicht von Fontane, das ich einst mit einer Schulklasse behandelte:
Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
Ein Birnbaum in seinem Garten stand,
…
Ein schönes Gedicht! Wer kennt’s?
Es steht mir im Moment aber weniger nach Poesie. Ich habe Hunger und überquere die Brücke und lande im schönen Städtchen Havelberg.

Dort finde ich eine Pizzeria, bestelle einen Salat und Spaghetti Napoli. Fazit: Salat mit Fertigsauce, Spaghetti mit Fertigsauce. – Lieber Wirt, mach doch bitte was anderes, wenn du nicht kochen willst! (Der Spruch «Wer nichts wird, wird Wirt», kommt mir auch noch in den Sinn.)
Nach diesem kulinarischen Tiefflug geht’s weiter Richtung Wittenberge. Und nun wird es sehr schön, hier ein paar Impressionen:



Nach über 140 km komme ich in Wittenberge an – nein, es ist nicht das Luther-Wittenberg, das liegt in Sachsen und wir sind hier in Brandenburg. Der Wind war heute barmherzig mit mir: er blies weniger stark als am Vortag und oft auch von hinten. So trudle ich um 16.45 im Hotel ein, viel früher als befürchtet.

Cooles Hotel, eine ehemalige Ölfabrik, mit Freiluftbühne:

Und so schreibe ich an meinem Blog:

Bis morgen wieder…